Daß die Liebe zum Mitmenschen eine mittlere Liebe zu sich selbst voraussetzt, entgeht dem schwärmerischen Philanthropen ebenso wie dem Egoisten. Nicht aber entging es Professor Mauz, dem Hamburger Psychiater, der seinen Vortrag über das Thema „Menschen miteinander“ in einer Kirche hielt. Daß Professor Mauz in einer Kirche sprach, war darauf zurückzuführen, daß der nebenan liegende Vortragssaal zu klein war, denn das Publikum kam in großen Scharen. So stand also der Psychiater hier sichtbar an einem Platz, den er heute auch sonst oft einnimmt.

Es versteht sich deshalb von selbst, daß der kluge und menschliche Professor Mauz auch in medizinisch-psychologischen Vokabeln nichts wesentlich anderes auszusagen hatte über menschliche Beziehungen, als schon in der Bibel steht. Von dem „Menschen unserer Zeit“, sagte er: er habe verlernt das Innerliche, das Zauberhafte, das Spontane – das eigentlich Menschliche anzusprechen oder von anderen ansprechen zu lassen. Immer noch sei der Mensch von heute bemüht, das Rationale zum Kernpunkt seiner Beziehungen zu machen.

Professor Mauz erklärte, daß die mangelnde Güte und Bereitschaft zum Verstehen des andern die Hauptgründe für die Krise der Beziehungen zueinander seien. Aber wie soll der Mensch die Güte den andern gegenüber finden, wenn er sie gegen sich selbst nicht hat? Der Mensch unserer Zeit ist sich selbst gegenüber entfremdet. Wir sind zu wenig daran gewöhnt, erklärte Mauz, den Menschen in uns selbst als das Unzulängliche zu behandeln, was er ist. Seit Generationen ist uns ein Bild des Menschen selbstverständlich geworden, das zu hoch angesetzt ist: der fleißige und ehrliche Mann, die anständige Frau und so weiter – immer schneiden wir beim Vergleich mit diesen Vorbildern schlecht ab. Und deshalb sind wir oft abscheulich gegen uns selbst.

Freilich: Mauz meint nicht, daß wir uns selbstgefällig für ein Idealbild halten und daraus eine Stütze für unseren Egoismus errichten sollen. Aber es müßte uns doch gelingen, uns bei uns selbst wieder etwas wohler zu fühlen – in unserem eigenen Innern wieder „zu Hause“ zu sein.

W.