Von Richard Tüngel

Belgrad, im November

Zehn Jahre ist es her seit Moscha Pijade in Montenegro und der heutige Marschall Tito in Uschidze den jugoslawischen Partisanenkrieg gegen die deutschen Besatzungstruppen begannen. Auf dem Kalemegdan, der alten Türkenfestung in Belgrad, hatte man zur Erinnerung an jene Tage eine Ausstellung aufgebaut, die mit bewußt primitiven Mitteln, mit Latten, Pappe und Mosaiken aus Glasscherben die deutsche Besatzungszeit darstellt. Wie Bühnenbilder von Piscator in der Epoche des Expressionismus nach dem ersten Weltkrieg, so wirken die Plakate aus derzeit der deutschen Besatzung, die dort an einem Massengalgen im Winde hin und her pendeln: Erschossen wird wer .. ., hingerichtet wurden wegen ... und darunter stehen in Lebensgröße die Figuren eines deutschen Exekutionskommandos, aus rohen Brettern ausgeschnitten und gleichförmig schwarz-grau angestrichen. (Siehe Bilder auf Seite 10.) Adler mit dem Hakenkreuz und Liktorenbündel – die fasces – stellen mit ihren Inschriften die von Hitler und Mussolini besetzten Länder dar. In dem Teil der Ausstellung, der speziell dem Partisanenkrieg gewidmet ist, findet man eine Nachbildung von Titos Hauptquartier und daneben ein unendlich primitives Lazarett. Partisanenromantik – gewiß, aber so geschickt und einfallsreich dargestellt, daß man selbst unwillkürlich in den Bann dieser Atmosphäre gerät. Es ist der Mythos des Freiheitskampfes, der Tito eng mit jenen 3000 Kameraden verbindet, die den Krieg überstanden haben und die heute wichtige Positionen im Staate einnehmen, und der gleichzeitig der Tito-Regierung im Lande das Ansehen gibt.

Schaut man vom Kalemegdan hinunter auf den Zusammenfluß von Donau und Save, so gewahrt man die Zeugnisse eines anderen Mythos. Mächtige Bauten, großzügige Planungen für Ministerien, ein Riesenhotel und große Bürohäuser stehen da – unfertig im Betongerippe. Man sieht durch sie hindurch: Der gesamte Innenausbau fehlt, Geld und Material, sie zu vollenden, sind nicht da. Zeugen des kommunistischen Mythos, der da glaubt, man könne ein Bauernland durch Planung und Lenkung über Nacht in einen Industriestaat umwandeln; denn, so sagt Tito, die Geschichte hat gelehrt, daß Agrarvölker immer Völker zweiten Ranges sind. „Ich möchte noch einmal die ungeheure Wichtigkeit unseres Beginnens für unsere Völker betonen“, hat Marschall Tito in der Skuptschina bei der Verkündung des jugoslawischen Fünfjahresplanes im April 1947 gesagt. „Ohne die Verwirklichung dieses Planes gibt es keine Grundlage für die wirtschaftliche und politische Selbständigkeit unseres Landes.“

So hatte man denn mit der Industrialisierung begonnen. 28 v. H. des Volkseinkommens wurden jährlich für Zwecke des Fünfjahresplanes investiert, davon fast die Hälfte in Betrieben der Schwerindustrie, was sehr bald zur Folge hatte, daß es an Konsumgütern fehlte und der Lebensstandard gefährlich sank. Die Leistungen in Industrie und Landwirtschaft gingen zurück und der Irrglaube, es genüge, ein Proletarier und ein guter Kommunist zu sein, um Leistungen zu vollbringen, führte zu immer neuen Fehlinvestitionen. Überall im Lande trifft man daher heute auf angefangene Fabriken, deren Inbetriebnahme sich als unausführbar erwiesen hat. Da ist das Beispiel der Röntgenröhren-Fabrik in Nisch. Vor drei Jahren wurde sie fertig, aber trotz vieler ausländischer Experten hat sie noch immer nichts nennenswertes produziert. Man kann eben nicht einen Bauern mit einem Schlage zu einem Feinmechaniker machen. Es ist auch schwer, diesen Bauern von einem zum andern Tage an die Handhabung und Pflege moderner landwirtschaftlicher Maschinen zu gewöhnen. Die Hälfte der Geräte ist fast immer in Reparatur. Und ähnlich geht es mit den modernen Bergwerksmaschinen, die die Deutschen während der Besatzungszeit nach Jugoslawien gebracht haben. Auf diese Weise sinkt die Produktion, statt zu steigen. Der Fünfjahresplan ist zu einem Mißerfolg geworden.

Es wäre höchst ungerecht, hier zu verschweigen, daß an diesem Mißlingen in erheblichem Maße auch die Haltung der Kominformländer schuld ist. Als der Fünfjahresplan verfaßt wurde, war Jugoslawien noch ein Mitglied des sowjetrussischen Blocks. Zum Bruch kam es dann eben über dieses Verlangen der Jugoslawen, in industrieller Hinsicht autark zu werden. Moskau hatte ihnen die Rolle eines Lieferanten von Rohstoffen und Halbfabrikaten zugedacht, für die dann aus Sowjetrußland im Austausch Fertigfabrikate geliefert werden sollten, was wirtschaftlich zweifellos hätte gesund sein können. Jedoch der Präsident des Wirtschaftsrates, Kidric, wollte von seinen ehrgeizigen Plänen, Jugoslawien industriell autark zu machen, nicht lassen, was wirtschaftlich gesehen, zweifellos falsch war. So entstand der Streit mit dem Kreml, der zur Ausstoßung Jugoslawiens aus dem Kominform führte. Was also wirtschaftlich falsch war, hat sich politisch als richtig erwiesen: Jugoslawien hat seine Unabhängigkeit bewahrt. Doch mit welchen Kosten für die Wirtschaft! Der Außenhandel des Landes war ganz auf den Sowjetblock eingerichtet gewesen und mußte nun, was den Fünfjahresplan empfindlich störte, nach dem Westen umdirigiert werden. Außerdem muß Belgrad heute eine starke Armee unter den Waffen halten, um sich gegen die militanten Kominformländer wehren zu können – an den Grenzen wird täglich geschossen. Die Unterhaltung dieser Armee verschlingt rund 15 v. H. des Volkseinkommens, und zudem entzieht sie Industrie und Landwirtschaft viele Arbeitskräfte.

Das schwierigste Problem jedoch, vor das sich Tito heute gestellt sieht, ist die passive Resistenz der Bauern. Sie liefern nicht nur weniger ab, als sie sollen, sie haben auch begonnen, die Anbauflächen zu verringern. Die jugoslawische Zeitung „Vjesnik“ schreibt in ihrer Ausgabe vom 30. Oktober, in Kroatien seien am 22. Oktober nur 38 v. H. des Anbauplanes erfüllt gewesen gegenüber 58 v. H. im Jahr zuvor. „Zadruga“ berichtet, am gleichen Datum seien in der Wojwodina nur 13 v. H. der für Winterweizen vorgesehenen Fläche bestellt gewesen, nur 2 v. H. in der Region von Kragujevac und 3. v. H. im Bezirk Belgrad. In einigen Gegenden Kroatiens jedoch ist der vorgesehene Plan erfüllt, ja sogar übertreffen worden.