Münster, im November

Daß ein Dramatiker, je nach Situation, „philosophisch“ wird, ja, philosophisch werden muß, hängt mit den quasi immanenten Verallgemeinerungstendenzen seines vernichtenden Handwerks zusammen. Der umgekehrte Fall, daß ein auch „fachlich“ als aktiver Philosoph abgestempelter (und „zugelassener“) Denker sich gleichzeitig und in gleich starker Weise als Dramatiker zu äußern gedrungen fühlt – das allerdings ist höchst ungewöhnlich.

Gabriel Marcel möchte seine Dramen nicht als szenische Illustrierungen seiner Philosophie betrachtet sehen. Auch in Münster ergriff er, bevor der Vorhang sich hob, das Wort zu der ausdrücklichen Bitte, in diesem „Mann Gottes“ keinerlei Literatur „engagée“ zu sehen. Im Gegenteil, dieses Stück habe sich ihm aus der absichtslosen „Vision“ von Charakteren und ihrem notwendigen Binnenverhältnis ergeben, aufgedrängt und somit gebildet. Immer stehe ihm dabei das Wort von Gerhart Hauptmann vor Augen, gleichsam als Leitsatz – daß nämlich ein Drama nichts mit fertig-gedachten Ergebnissen zu tun habe, sondern daß es sich da nur um den schrittweisen Prozeß eines Denkens in Bildern handeln dürfe.

Das münsterische Publikum, mit der christlichen Philosophie Marcels einigermaßen vertraut, zeigte sich dann auf die Nutzanwendung solchen Vorspruchs höchlich gespannt. Das Stück, schon im Jahre 1922 konzipiert, enthüllte eine aufregende Aktualität. Oberflächlich gesehen bietet es sich als die Gewissenstragödie eines protestantischen Pfarrers dar, „riecht“, im Milieu, stark nach Strindberg und ist denn auch in Paris – wo es vor zwei Wintern eine Saison lang gespielt wurde – von mißverstehend Kurzsichtigen als „affaire ibsénienne“ bezeichnet worden. Daß die Form von surrealistischen Eingriffen, Überblendungen, querschießenden Kommentatoren und ähnlichen Auflockerungen unbehelligt blieb, mochte diese Mißverständnisse unterstützen. Dem näheren Zuhören aber ergibt sich folgender Befund: Die Brüche, die im Formalen nicht sichtbar werden, sind auf wahrhaft erregende, geradezu brüske Art und Weise in das psychologische Lineament eingegangen.

Marcel setzt seine Bohrung so heftig und so unerbittlich, daß mit einem Male das wilde Zickzack unseres wirklichen seelischen Habitus bloßliegt. Unnachsichtig legt er den Blick frei auf die wirre Tatsächlichkeit einer Landschaft, in welcher die Systematik aller „logischen“ Psychologie nicht einmal mehr als gedachte Gerade existiert. Sein Pfarrer Lemoyne muß eines Tages entdecken, daß, er vor zwanzig Jahren den (folgereichen) Fehltritt seiner Frau nicht aus Liebe verziehen hat, sondern aus berufsmäßiger „Seelengröße zu Ramschpreisen Seine Frau hingegen entdeckt, daß sie nicht aus Liebe die Verzeihung erbat, sondern des bequemeren Weges halber. Beide also entdecken sich mit einem Male vor völligen Trümmern. Jeder kann den andern nur noch die Widerhaken schnöder, unvermittelter Aufrichtigkeit bieten. Das einzige, was „bleibt“, ist ein durch praktisches Verhalten erworbenes Ansehen in der Außenwelt – die Gemeinde glaubt, es mit einem von christlicher Tugend begnadeten Menschenpaar zu tun zu haben. Das Stück entläßt uns mit der Offenlegung dieses Skandalon, dieses nicht mehr zu leimenden Zwiespalts. Auch hier also bleibt die Frage dringlich offen „Woher hole ich Gewißheit, das Rechte zu tun?“

Eine Beantwortung dieser Frage versuchte Marcel dann vor den Studenten der Universität am anderen Abend. Das Auditorium Maximum war bedrohlich überfüllt, Hunderte mußten nach Hause gehen. Die Erwartung spürte jedem seiner Worte nach, mit denen er den „Begriff des geistigen Erbes“ zu umreißen suchte. Im Zentrum stand das Charisma der Dankbarkeit – dem bei den Massen der ungerechterweise „Enterbten“ nicht die Un-Dankbarkeit, sondern die völlige Dankbarlosigkeit entspreche, verbunden mit dem Anspruch auf das Nie-Dagewesene. Als er dabei auf Sartre zu sprechen kam, hörte man die Funken knistern – zumal er Sartre als Erben von Nietzsches Überbetonung des Willensmäßigen sah. Für Sartre gebe es nur die willensmäßige „Herstellung“ und nicht die Entdeckung einer in der Schöpfung vermittelten Wertordnung ... Noch zu erwähnen ist die Qualität der münsterischen Aufführung. F. K. Wittich als Regisseur ließ den geistigen Connex der „Brüche“ in solcher Dichtigkeit deutlich werden, daß sich eine ganz starke theatralische Spannung ergab. Von solcher Umsetzung war auch Gabriel Marcel nachdrücklich beeindruckt. Albert Schulze-Vellinghausen