Man kennt das Gremium von Persönlichkeiten des internationalen Buch- und Kunstantiquariats, das sich bei allen großen Auktionen in München, Stuttgart oder Hamburg zusammenfindet, wo kürzlich bei Dr. Ernst Hauswedell in der Versteigerung 45/46 wertvolle Bücher, Autographen und Graphik ausgeboten wurden. Ist es im Einzelfall für den Beobachter auch nicht immer offensichtlich, ob es sich bei den Geboten um Auftrags- oder Spekulationskäufe handelt, so berechtigen die Ergebnisse nicht nur zu Schlüssen über die Marktlage, sondern ebensosehr auf die Sammler und damit in weiterem Sinne auf die allgemeine geistige Situation in dieser Zeit.

Die Antiquare klagen, daß der „mittlere Sammler“ heute fehlt: der Arzt, der Rechtsanwalt – sie scheiden schon lange als Käufer aus. Aber immer wieder gibt es Buch- und Kunstauktionen, hinter denen zuletzt eben doch Sammler stehen müssen.

Wenn Stefan Georges Gedenkbuch „Maximin“ DM 1500,– oder Dürers Kupferstich „Hieronymus im Gehaus“ DM 3800,– erzielten, so handelte es sich in beiden Fällen um kostbare Seltenheiten in hervorragenden Exemplaren. Wenn aber die gesamte ältere Literatur nur noch wenig Interesse findet, die modernen Klassiker-Ausgaben wiederum viel höher bewertet werden, als die oft schönen Originalausgaben, so fragt man sich, ob nicht überhaupt der gebildete Sammler ausstirbt?

Gegenüber den „Spitzenwerten“, die für große Preise an „große“ Sammler gehen, steht eine Fülle mittlerer Werte: für sie wieder Verständnis zu wecken, erfordert die Heranbildung einer neuen Sammlerschicht, der das geistige Leben auf die Dauer nicht entraten kann. Chr. O. Frenzel