Strategische Pläne und sowjetische Noten – Verkehrswege im Nördlichen Eismeer / Von E. Krüger

Die Note, die der russische Außenminister Wyschinski vor einiger Zeit dem norwegischen Gesandten in Moskau aushändigte, die Antwort des norwegischen Außenministers Lange und der Kommentar, den Außenminister Acheson zu diesem Notenwechsel gab, richtet den Blick von der Welt auf ein wenig beachtetes Gebiet, in welchem die Russen auf jede Veränderung sehr empfindlich reagieren: die Arktis.

In der Note erhebt die russische Regierung Protest gegen die angebliche Verletzung des Pariser Vertrages vom Jahre 1920, in welchem Norwegen sich verpflichtet hatte, weder selbst noch durch dritte Staaten Marinestützpunkte oder Befestigungen auf Spitzbergen und der Bäreninsel anzulegen. Der norwegische Außenminister wurde bei der sofortigen Zurückweisung des Protestes durch Acheson unterstützt, der die Anklagen Moskaus „unwahr“ nannte und als einen Versuch bezeichnete, Norwegen aus der Nordatlantikpakt-Organisation herauszubrechen.

Die russische Empfindlichkeit gegen eine Veränderung des status quo auf Spitzbergen und der Bäreninsel wird um so größer, je mehr die Schwierigkeiten überwunden werden, die sich der Durchführung eines Luftverkehrs über der Arktis entgegenstellen. Der Postflug des Kapitäns Blair von der Pan American World Airways, der im Sommer dieses Jahres von dem nordnorwegischen Flugplatz Bardufoß um 4 Uhr nachmittags Ortszeit startete und nach einem Fluge von zehn Stunden 30 Minuten über den. Nordpol am gleichen Tage um 3 Uhr 30 nachmittags Ortszeit in Fairbanks auf Alaska landete, zeigt, daß der Luftverkehr über den Nordpol keine Utopie mehr ist. So erklärte denn auch der amerikanische Arktis-Flieger Oberst Bernt Balchen auf der Jahresversammlung der Amerikanischen Gesellschaft für Zivil-Ingenieure: in wenigen Jahren würden Verkehrsflugzeuge in täglichen regelmäßigen Flügen auf „größten Kreisen“ über den Nordpol zwischen Nord-Amerika, Europa und dem Fernen Osten fliegen. Dazu müßten aber zunächst ständige Notlandeplätze, die nur auf „terra firma“ angelegt werden könnten, eingerichtet werden. Alles „feste Land“ in den arktischen Gebieten vor dem eurasischen Festland gehört aber mit Ausnahme von Spitzbergen – die Russen besitzen dort nur Kohlenkonzessionen – und der Bäreninsel der Sowjetunion. Flugstützpunkte auf Spitzbergen in der Nähe der Grenze des russischen Polarbesitzes werden von Moskau als eine Bedrohung Nordsibiriens betrachtet, an dessen wirtschaftlicher Erschließung der Sowjetregierung viel gelegen ist. – Ein wichtiges Mittel zur Durchführung dieser kolonisatorischen Arbeit ist der nordsibirische Seeweg, durch den eine Schiffsverbindung zwischen den nördlichen Häfen des europäischen Rußlands: Murmansk und Archangelsk und den Häfen im Fernen Osten, die an das transsibirische Eisenbahnnetz angeschlossen sind: Nikolajewssk an der Amur-Mündung, Sowjetsskaja Gawan und Wladiwostok, hergestellt wird.

Seit 1919 hat die Sowjetregierung der Erforschung und Sicherung dieses Seeweges besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Das Gebiet zwischen Murmansk und der Beringstraße wurde in einen westlichen, mittleren und östlichen „Expeditionsabschnitt“ unterteilt. Das in Murmansk beginnende Gebiet der „Karischen Expedition“ umfaßt die Barents- und Petschorasee mit den Durchfahrten zum Karischen Meer: die Matotschkin-Straße, die die Insel Nowaja-Semlja teilt, die Kara-Straße zwischen Nowaja-Semlja und der Insel Waigatsch und die Jugorsky-Straße zwischen Waigatsch und dem Festland. Der Expeditionsabschnitt reicht bis zum Mündungsgebiet der Pjassina, die den westlichen Teil der Taimyr-Halbinsel durchfließt. Das anschließende Gebiet der „Lena-Expedition“ erstreckt sich über das östliche Karische Meer, die Wilkizky-Straße zwischen dem Kap Tscheljuskin und der Bolschewik-Insel, und die Laptjew-See bis zu den Neusibirischen Inseln. Die den Ostabschnitt bearbeitende „Kolyma Expedition“ umfaßt das Ostsibirische Meer, die Tschuktschen-See, die Beringstraße und das Bering-Meer.

Einhundert ständig besetzte Polarstationen entlang, der sibirischen Küsten und auf den vorgelagerten Inseln zwischen Franz-Josephs-Land und Wrangel-Land haben den Eis- und Wetterbeobachtungsdienst übernommen. Arktis-Spezialflugzeuge zur Beobachtung der Wetter- und Eisverhältnisse unterstützen in den einzelnen Abschnitten die Arbeit einer Eisbrecherflotte, die als die größte und stärkste der Welt gilt und deren wichtigste Aufgabe es ist, an den kritischen Stellen des nordsibirischen Seeweges die Dampferkonvois sicher durch die Eishindernisse zu bringen. Die kurz vor dem zweiten Weltkrieg gebauten Eisbrecher der „Stalin“-Klasse haben bei einer Länge von 106 Metern, einer Breite von 23 Metern und einer Maschinenleistung von 10 000 PS eine Wasserverdrängung von 11 000 Tonnen. Zu der Bordausrüstung gehören eine Katapultanlage und drei Flugzeuge. Die vier größten Eishindernisse befinden sich einmal in den Durchfahrten von der Barents- und Petschorasee nach dem Karischen Meer, sodann vor der Nordwestküste der Taymir-Halbinsel, insbesondere im Gebiet der Nordenskjöld-Inseln und der Wilkizky-Straße, ferner im Bereich der Neusibirischen Inseln und den Durchfahrten zur Ostsibirischen See und schließlich in der östlichen Tschuktschen-See zwischen dem Festland und der Insel Wrangel-Land.

Konvois auf dem Marsch