Von Friedrich Sieburg

Die Tür des Gefängnisses öffnet sich, Licht dringt herein, und eine barsche Stimme sagt: „Du bist frei! Du kannst gehen!“

„Frei!“ antwortet der Gefangene. „Was heißt das? Wohin soll ich gehen?“

„Deine Haft ist zu Ende, die Tür steht offen, du kannst gehen, wohin du willst!“

Den Gefangenen überfällt ein Strom von Glück, aber auch von Ratlosigkeit. Er hat vergessen, was es heißt, sich nach eigenem Willen entscheiden zu können. Auch Freiheit will gelernt sein. Er zögert.

„Raus hier“, sagt der Befreier ungeduldig, „sieh zu, daß du schleunigst verschwindest.“

Der Gefangene steht im Freien, blinzelt in das Licht und sieht sich hilflos die Welt an, die drohend erscheint und ihm Entscheidungen abfordert. Sei getrost, armer Mann, deine alten Tyrannen sind zwar dahin und können dich nicht mehr quälen. Aber es ist für neue gesorgt. Geh nur in die Welt hinaus, du wirst es schon erfahren. Du wirst schnell auf Leute treffen, die dich belehren. Wer da glaubte, daß mit dem Sturz der blutigen Unterdrücker eine Zeit angebrochen sei, in der der Mensch sich nach seinem eigenen Gesetz bewegen könne, der hat nicht gewußt, daß auch die verdammenswerteste Einrichtung nie ganz zu zerstören ist. In die Wohnstätten der neuen Geschlechter sind die Steine abgebrochener Kerker eingebaut und leben ihr tückisches Leben weiter. Auch die Unfreiheit kann zur Gewohnheit werden, nach der das Geringe in uns sich heimlich zurücksehnt. Es ist wunderbar, nicht mehr in der Welt der Lager und der geduldig hingehaltenen Kochgeschirre leben zu müssen. Es ist eine Erlösung, daß jeder seine Meinung sagen und gegen Unrecht beredt protestieren kann. Aber die alte Gewohnheit, in Reihen anzutreten und den Mund vorsichtig geschlossen zu halten, hört nicht auf, in uns zu rumoren. Die Zwingherren in Stiefeln sind nicht mehr zu fürchten. Sie sind fort, der Teufel hat sie geholt. Aber der Teufel selbst ist noch da, denn er ist kein gerechter Helfer und freut sich, daß wir nie wieder ganz frei sein werden, weil die Technik der Unterdrückung zu einem Teil des Fortschritts geworden ist. Es hat sich gezeigt, daß die Bewältigung der modernen Aufgaben ein unbeschränktes Maß an Freiheit überhaupt nicht mehr zuläßt. Wer diese Welt in Ordnung bringen will, der kann es nicht wagen, sich noch ungehemmt der Vernunft und dem guten Willen anzuvertrauen. Der Zwang kann nicht mehr entbehrt werden, nicht der Zwang, der auch in der freiesten Gemeinschaft hinter jedem Gesetz steht, sondern jener Zwang, der dem Individuum nichts Gutes mehr Zwang, Auch die westliche Welt ist tief pessimistisch geworden, und das ist mit der demokratischen Staatsform auf die Dauer unvereinbar. Möglich, daß der Mensch gut ist. Aber wir wollen es lieber nicht darauf ankommen lassen.