Für die alljährliche Verleihung des Friedens Nobelpreises wird keine Begründung gegeben. Es bleibt den Kommentatoren überlassen, die Entscheidung des Preiskomitees zu interpretieren. Das ist nicht immer leicht, aber auch den fünf Mitgliedern des norwegischen Parlaments mag es in diesem Jahr schwergefallen sein, eine einleuchtende Wahl zu treffen. Vergeblich schaut die geängstigte Welt nach dem großen Friedensstifter aus.

Wer Léon Jouhaux auf dem Höhepunkt seiner erstaunlichen Laufbahn gekannt hat, wird nicht auf den ersten Blick in dem Klassenkämpfer und dem Streiter gegen Faschismus und Nationalsozialismus auch einen Friedenskämpfer sehen, Der Höhepunkt, das war damals in den großen Tagen der Volksfront 1936. Der Kongreß von Toulouse hatte im Februar durch die Wiedervereinigung mit dem 1921 abgespaltenen kommunistischen Gewerkschaftsverband die Gewerkschaftseinheit unter Jouhaux als Generalsekretär wiederhergestellt. Die Wahlen im Mai hatten Léon Blum – an die Macht gebracht. Die Bank von Frankreich wurde verstaatlicht und Jouhaux einer ihrer Regenten. Überall im Lande wurden die Fabriken von den Arbeitern besetzt. Die Gewerkschaften hatten die Macht, die Regierung die Verantwortung. Jouhaux unternahm Propagandareisen nach Moskau, Mexiko und den Vereinigten Staates, um die bewaffnete Intervention im spanischen Bürgerkrieg gegen Franco zu erreichen. Sein Sohn wurde wegen Waffenschmuggels aus Belgien nach Spanien in einen Prozeß verwickelt. Jouhaux stand, auf der Höhe seines Einflusses und auch seines Einkommens, das auf anderthalb Millionen Francs geschätzt wurde. Für den Erwerb eines von Heinrich IV. erbauten Schlosses im Departement Lot-et-Garonne legte er zweieinhalb Millionen bar auf den Tisch. So stand es wenigstens auf Flugblättern, die damals in der Arbeiterschaft verteilt wurden. Jouhaux saß in allen Aufsichtsräten und Delegationen der Dritten Republik. Diese Etappe seines Wechselreichen Lebens endete im Dezember 1938 mit seiner Proklamation des Generalstreiks gegen die Fortsetzung der Politik von München durch Daladier und Bonnet. Die Regierung entließ ihn daraufhin aus allen amtlichen. Stellungen.

Jouhaux mag sich häufig getäuscht haben, aber er hat immer den Mut gehabt, seinen Irrtum einzusehen; und die Kraft, den richtigen Weg wiederzufinden. Er nahm gerne Ehrungen und Pfründen entgegen, gab sie aber ohne Zögern preis, wenn seine Überzeugung es erforderte. So zwiespältig der Arbeiterführer mit dem „dicksten Wanst der Dritten Republik“ auch erscheinen mag, einem Wesenszug seines Charakters ist er immer treu geblieben, dem Streben nach Unabhängigkeit. Den Aufsichtsratsposten in der Bank von Frankreich nahm er an, den Sitz in der Regierung, den Léon Blum ihm anbot, aber lehnteer ab. So ist er trotz allem ein echter Gewerkschaftsführer geblieben. Denn Unabhängigkeit von jeder politischen Kontrolle und Partei ist der oberste Grundsatz des französischen Gewerkschaftsverbandes gewesen seit dem Gründungskongreß von Limoges im Jahre 1895. Um die Unabhängigkeit seiner Gewerkschaft zu bewahren, nahm Jouhaux 1921 den Kampf gegen deren extremen Flügel auf, der, geführt von Benoit Frachon, unter dem Einfluß der kommunistischen Partei stand. Mit fast siebzig Jahren, hat er diese Operation unter weit schwierigeren Umständen wiederholt. 1947 geriet er gegen seinen alten kommunistischen Rivalen Frachon bei der Abstimmung über die Unterstützung des Marshall-Plans durch die Gewerkschaften in die Minderheit. Er zögerte nicht, das Gewerkschaftspalais in der Rue Lafayette, in dem er seit 1909 als Generalsekretär geherrscht hatte, zu verlassen und mit seiner Gefolgschaft einen neuen unabhängigen Gewerkschaftsbund, die Force ouvriere zu gründen. Der Versuch, aus der alten anarchosyndikalistischen C. G. T. eine Staatsgewerkschaft in der Hand der kommunistischen Partei zu machen, war mißlungen. Damit war zugleich der kommunistische Generalangriff auf die französische Volkswirtschaft gescheitert. Gerettet war aber mehr als die Unabhängigkeit der französischen Gewerkschaftsbewegung. Gerettet war die Demokratie in Frankreich und damit vielleicht damals der Friede in Europa.

Die Unabhängigkeit seines Urteils hat sich Jouhaux auch gegenüber Deutschland bewahrt. Trotz seines Kampfes gegen den Nationalsozialismus ist er kein Deutschenfresser geworden. Im Dezember 1941 war er wegen seiner Verbindung mit der illegalen Gewerkschaftsbewegung von der Regierung Pétain verhaftet und in Vals-les-Bains interniert worden. 1943 wurde er zusammen mit Léon Blum, Daladier und anderen Politikern ausgeliefert und nach Buchenwald gebracht, später in ein Lager in Tirol, aus dem er im Mai 1945 von den Amerikanern befreit wurde. Er hat von diesen bösen Jahren nie gesprochen. Als aber im letzten Sommer der Vertreter Israels auf der Konferenz der Internationalen Arbeiterorganisation in Genf gegen die Aufnahme der Bundesrepublik sprach und die „aufrichtige Reue“ der Deutschen bezweifelte, erhob sich der zweiundsiebzig jährige Jouhaux und entgegnete dem Vertreter Israels: „Man kann nicht vom Haß leben; auf den Gefühlen der Rache, die der Verständigung der Menschen entgegenwirken, kann man nichts aufbauen.“

Paul Bourdin