Von Edgar Salin

Von den Griechen an bis weit ins neunzehnte Jahrhundert galt die Überzeugung, daß die Politik eine hohe Kunst ist, die gelehrt und gelernt werden kann und muß, wofern nicht die Staaten zunächst in ihrer inneren Substanz und dann auch in ihrem äußeren Bestand Not leiden sollen. Ein heute vergessenes, ausgezeichnetes Buch wie Dahlmanns „Politik“ vermag in deutscher Sprache noch am besten einen Eindruck davon zu vermitteln, welche hilfreiche Tradition, welche lebenswichtigen Werte verlorengingen, als auf dem Kontinent die Politik aus einer echten Kunst zu einer bloßen Technik wurde – eine Veränderung, welche dann in diesem Jahrhundert das Tor zur politischen Betätigung für Stümper und Hasardeure öffnete.

In dieser Lage ist es ein hoffnungsvolles Zeichen, wenn in der jüngeren Generation sich einer findet, der den Mut besitzt, bei klarer Erkenntnis der Nichtigkeit und oft Nichtswürdigkeit von Menschen und Geschehnissen der jüngsten Vergangenheit an einen Neuaufbau der Politik zu glauben und um besinnliche und tätige Mitarbeit zu werben. Darum seien alle politisch interessierten Menschen deutscher Sprache und insbesondere auch die Jugend nachdrücklich auf das Buch „Zerfall und Wiederaufbau der Politik“ (Verlag von A. Francke AG. in Bern und L. Lehnen in München) hingewiesen, in dem Peter Dürrenmatt, der Chefredakteur der Basler Nachrichten, der Nachfolger von Albert Oeri, ein eigenständiger Berner, ein echter Schweizer und ein guter Europäer, aus innerer Bewegtheit mit eindringlichen Worten und mit politischem Takt die Gefahren und die Chancen von Gestern, Heute und Morgen schildert.

Ein politisches Buch, – und doch kein „garstiges Buch“! Der richtige Ort zu seinem Verständnis wird am besten dann gewonnen, wenn man sich nach dem Unterschied fragt, der Dürrenmatts Stellung von jener der vielen Kritiker des neunzehnten Jahrhunderts, der Sozialisten wie der Neo-Liberalen, scheidet. Dann tritt zunächst positiv hervor, daß das Buch völlig frei ist von der heute so beliebten Schwarzweißmalerei. Dürrenmatt hat einen positiven Standpunkt; aber dessen christliche Wurzel schließt jede Einseitigkeit und jeden Fanatismus pro und contra aus. Und zweitens und vor allem wird dann deutlich, daß der Neo-Liberalismus, vielleicht infolge der beruflichen Stellung seiner besten Vertreter, vielleicht infolge der faktischen Verwirtschaftung der Politik im neunzehnten Jahrhundert, einseitig die negativen Wirkungen eines falsch verstandenen wirtschaftlichen Liberalismus untersucht und gegeißelt hat, während die tiefere geistige und politische Auflösung seinem Augenmerk entgangen war. Auf der anderen Seite hatte Jakob Burckhardt, getragen von der Überzeugung, daß Macht schlechthin böse ist, und tief mißtrauisch gegenüber allen Radikalismen, die politischen Grundprobleme des Jahrhunderts auch allzusehr vereinfacht. Wogegen Dürrenmatt die platonische Frage nach dem Wesen der Macht und die christliche nach dem Wesen der Freiheit neu stellt und so dazu gelangt, ihre mögliche Polarität, ihre inneren Grenzen, ihre äußere Grenzenlosigkeit und den daraus folgenden politischen Zerfall aufzuzeigen.

Aller politischer Wiederaufbau ist daran gebunden, daß die Völker die gefährlichen Seiten der Macht wieder richtig einschätzen lernen. Es ist nicht nur die prinzipielle Stellung, sondern Dürrenmatts innere Beteiligtheit am deutschen Schicksal, wenn in diesem Zusammenhang ihm die fernere deutsche Entwicklung von besonderer Bedeutung erscheint. Daß das deutsche Volk ein neues, positives Verhältnis zur Politik gewinnt, daß es sich dem innerpolitischen Aufbau zuwendet und eine Schicht von Menschen heranbildet, die eine lebendige Beziehung zum Politischen besitzen, darin erblickt er eine europäische Schicksalsfrage. „Es wäre einfacher“, sagt er, „die Deutschen abermals nationalistisch abzubrühen und darauf marschieren zu lassen. Der stetige Aufbau aus den Elementen wird mühsamer sein. An seinem Ende stände indessen vermutlich die Erkenntnis, auch der Deutsche habe einen politischen Charakter, wenn man ihm Zeit lasse, ihn zu entwickeln.“

Es ist also eine im Grund optimistische Prognose, zu der der schweizerische Gesprächspartner der Deutschen kommt. Sie ist getragen von dem Glauben an die Kraft des deutschen und des europäischen Geistes und von der Zuversicht, daß nach Jahrzehnten, in denen Jakobiner oder Reaktionäre das Schicksal der Staaten bestimmt, die Kunst der großen Politik mißachtet und zugleich mit dem europäischen Gleichgewicht Europa selbst zerstört haben, nun eine Möglichkeit des Wiederaufbaus der Politik in schöpferischer, konservativschöpferischer Gestaltung vorhanden ist. Es gehört Tapferkeit zu diesem Optimismus, wenn man wie Dürrenmatt aus eigenem Augenschein die Lage der westeuropäischen Länder kennt. Denn wessen Seele würde nicht, von abgründiger Skepsis bedrängt, wenn er wahrnimmt, wie nicht nur in Deutschland, sondern auch in Frankreich, Italien und sogar in England das alte Gesellschaftsgebilde sich auflöst, die materiellen Werte von Jahrhunderten vergeudet sind und die moralischen sich fortschreitend zersetzen? So höre man auf diese Stimme eines Warners, der sich nicht in resignierte Beobachtung zurückzieht, sondern der als Handelnder selbst gewillt ist, das Gebot der Stunde zu erfüllen und das Ziel „Europa“ gemeinsam mit all denen zu verfolgen, welche die Kraft haben, zur Gegenwart zu stehen.