Von Richard Tüngel

In Zagreb, gelegentlich des jugoslawischen Friedenskongresses, war eine Ausstellung zu sehen, in der die südslawische Kunst des Mittelalters hervorragend repräsentiert war. Sie war veranstaltet vom „Rat für Wissenschaft und Kultur der Föderativen Volksrepublik Jugoslawien“ und enthielt ausgezeichnete Kopien aus weit zerstreut liegenden Klöstern und Kirchen – von denen viele nur schwer zu erreichen sind – und außerdem Gipsabgüsse von Bildhauerarbeiten, die vom Portal der Kathedrale von Trau bis zu den Sarkophagen und Friesen bogumilischen Handwerkskunst reichten. In einem totalitären Staat dienen Kunstausstellungen, wie oft auch in demokratischen Ländern, einem bestimmten Ziel, einer bewußten Propaganda. Nur unterscheidet sich diese totalitäre Propaganda von der demokratischen dadurch, daß sie nicht privaten, oft komplexen Impulsen entspringt – sei es der Begeisterung einer Künstlergruppe oder der Geschäftspraxis von Kunsthändlern –, sondern daß sie eindeutig und allein die Ideologie des Staates vertritt, also der Verkündung bestimmten rechtgläubiger Dogmen dient. So war es auch in Zagreb. Und wie es nicht nur in totalitären Staaten, sondern überall in der Welt geschieht, wo irgendein Fanatismus herrscht, so geschah es auch hier, daß hartnäckig verteidigte Theorien mit den Fakten – in diesem Falle den ausgestellten Werken – nicht übereinstimmen.

Im Zentrum, in der Kuppelhalle des Ausstellungspavillons, waren bogumilische Kunstwerke aufgestellt und in den Flügeln Fresken der mazedonischen, serbischen, kroatischen und slowenischen Schule. Zeigte so in den Räumen um die Kuppelhalle die Ausstellung die vier Hauptkunstrichtungen der jugoslawischen Kunst, die den vier größten föderativen Republiken des heutigen Staates entsprechen, so war das Hauptgewicht doch auf die Kunst der Bogumilen gelegt, die keine Völkerschaft sind, sondern eine Sekte. Und um diese Bedeutung noch mehr hervorzuheben, waren auch in den seitlichen Räumen überall mit deutlicher Absicht mittelalterliche päpstliche Dekrete verteilt, die für diese Ausstellung in Stein gemeißelt waren, Dekrete, in denen die Bogumilen auf das schärfste angegriffen und verurteilt werden. Womit man zwei Fliegen mit einer Klappe schlug, einmal nämlich die Bogumilen. als ein geistiges Element darzustellen, das durch alle Landschaften gleichmäßig hindurchging, und ferner den Kampf gegen die katholische Kirche als eine legitime historische Aufgabe erscheinen zu lassen.

Die Bogumilen waren eine dualistisch-manichäische Sekte, und ihren Namen verdanken sie dem bulgarischen Priester Bogumil, der sie in der ersten Hälfte des zehnten Jahrhunderts gegründet hat. Sie lehrten, daß es zwei Gewalten gäbe, eine göttliche, die den Himmel, eine teuflische, die die Erde geschaffen habe. In Dogma und Liturgie waren sie den Paulicianern in Kleinasien und den Katharern in Südfrankreich verwandt. Man nannte sie ihrem Ursprung nach im Westen Europas Bulgaren, woher das französische Schimpfwort bougre stammt. Die katholische Kirche hat sie heftig bekämpft, aber ebenso heftig auch die serbischorthodoxe. Serbiens erster großer Herrscher Stefan Nemanja hat sie in seinem Reich fast völlig ausgerottet. In den unwegsamen Teilen Bosniens jedoch konnten sie, trotz ungarischer Kreuzzüge, weiter existieren.

Die Werke dieser Sektierer und nicht die der vier Volksstämme Serben, Mazedonier, Kroaten, Slowenen hat die staatliche Leitung zum Mittelpunkt der Ausstellung gemacht. Sie sind außerordentlich primitiv und barbarisch. Doch eben dies wird von den Ausstellern bestritten und zugleich gelobt. Man prätendiert, daß hier zwischen Rom und Byzanz in bewußter Abwendung von der byzantinischen, gotischen und Frührenaissance-Kunst in einer Atmosphäre reiner Geistigkeit eine absichtliche Primitivität gepflegt worden sei, eine Parallele zu jenem gewissen Sozialismus, den es unter den Anhängern dieser Sekte gab. Denn die „Vollkommenen“, die die eigentlichen Mitglieder der Kirche waren, nachdem sie die Geistestaufe erhalten hatten, durften keinen Privatbesitz haben. In dieser Sekte nun und ihrer unabhängigen Kunst sieht man heute die „Antizipierung einer Dritten Kraft“, einer Kraft, die damals zwischen Rom und Byzanz ihren Platz gehabt habe, so wie Titos Staat heute als Dritte Kraft zwischen Moskau und Washington stehe.

Die Anologie ist künstlich und ganz gewiß falsch. Die Bewegung der Paulicianer, Bogumilen, Katharer war international und wurde von allen christlichen Kirchen jener Zeit, der serbischorthodoxen, griechisch-orthodoxen und der katholischen, verfolgt. Sie hat auch niemals die Bedeutung einer Dritten Kraft gehabt. Anderseits ist die heutige Abweichung des Tito-Regimes von der Moskauer Linie durchaus national und erfährt infolgedessen auch nur eine einseitige Ablehnung, nämlich von Moskau.

Die gewaltsame Umdeutung der geschichtlichen Bedeutung, die die Bogumilen gehabt haben, verstellt sehr stark den Blick auf die wirkliche Bedeutung der Zagreber Ausstellung. Aus ihr nämlich wird klar – was man vermutlich nicht gern so deutlich zeigen will –, wie außerordentlich verschieden voneinander die Kulturen der einzelnen Volksstämme waren, aus denen sich das heutige Jugoslawien zusammensetzt, so verschieden, wie sie in hohem Grade auch heute immer noch sind. Die mazedonischen Fresken, großartig und von jener Monumentalität, die Grenzbezirke eines Kunstkreises oft leichter aufweisen als die verfeinerte Mitte, sind ihren Stil nach rein byzantinisch und haben überraschend viel vom spätantiken Vorbild bewahrt. Die altserbische Kunst wiederum ist deshalb so interessant, weil sie in der Durchdringung von byzantinischem und abendländischem Stilwillen zu oft besonders reizvollen Darstellungstypen gelangt. So behält sie etwa die byzantinische Stilweise in der Darstellung einer Figur bei, setzt sie aber nach abendländischer Art hart gegen den Hintergrund, ohne also, wie dies doch in Byzanz die Regel ist, die Farbe des Grundes in der Figur zu wiederholen und beide dadurch zu verklammern.