Rudolf Baumgardt: Die Rodendahls. Franz Schneekluth Verlag, Celle, 918 S., Leinen 19,80 DM.

Man sollte meinen, daß ein Quentchen „Buddenbrooks“ und eine ordentliche Dosis „Forsyte Saga“ mir eine aufgewärmte Speise ergeben könnten. Nichts dergleichen (obwohl gelegentlich die Duplizität ganz ungeniert hindurchschmeckt), denn Rudolf Baumgardt hat einen vorgefaßten Plan mit bewunderungswürdiger Folgerichtigkeit ausgearbeitet; was dem äußeren Volumen seines Romans eine nur anfangs erschreckende Ausdehnung geben mußte und der inneren Spannkraft überraschenderweise Flügel anheftete. Der Plan war, zu zeigen, wie das liberale Bürgertum der Bismarckzeit in der Sozialdemokratie zerflatterte und aus der mißglückten Synthese der Nationalsozialismus aufschoß und kläglich zerbrach. Das Ergebnis –: Ein Abziehbild von hundert Jahren Vergangenheit, sehr bunt, sehr belebt und trotz des Kitschees, das Abziehbilder immer an sich haben, sehr wahrhaftig und persönlich.

Zuerst zu loben ist an der Geschichte der Hanseatenfamilie Rodendahl, wie nach Millimetern abgestuft die Vergröberung des Lebensstils, der unumgängliche Zerfall im breiten epischen Gleichmaß deutlich gemacht wird. Ferner die äußerst geschickte Gruppierung der Personen, die es ermöglicht, ohne Anstoß zu erregen, alle, aber auch wirklich alle menschlichen, geistigen, künstlerischen und politischen Wellenbewegungen des abgesteckten Zeitraums einschließlich der Katastrophe des zweiten Weltkrieges zu registrieren. Auf der kleinen Bühne der ostdeutschen Hansestadt werden mit dem Geschick eines ausgekochten Regisseurs Kolossalinszenierungen erstellt, bei denen vom Kaiser bis zu Hitler die großen Repräsentanten in persona, die weniger großen als Pseudonyme posieren; unter Beleuchtungseffekten, die raffiniert wechseln. Sentimentales Rosa gibt es in der Skala nicht, dafür desto mehr sarka-

Beilage. Der Postauflage dieser Nummer liegt ein Katalog der Versand-Buchhandlung PAX, Reinbek bei Hamburg (Werke bekannter Autoren zu Vorzugspreisen! bei, der auf Wunsch auch anderen Lesern kostenlos zugesandt wird

stische Töne und alle Zwischenfarben, die von der Kunst des Autors zeugen, der Vielfalt immer Herr zu sein.

Wenn eine der Hauptmitspielerinnen, Tochter aus altem Senatorengeschlecht, während die Russen schon vor den Toren stehen, langsam ihr Leben aushaucht, so ist das ein erprobter Ausklang. Er darf aber nicht vergessen machen, daß in diesem Buch einem als historischen Biographen oft bewährten Autor großartig gelungen ist, hundert Jahre Menschenleben so nachzuerzählen, wie sie sich für jede Generation darstellten. Daß dabei die Wirklichkeit manchmal in den Geruch der Banalität kommt, ist einer ihrer Fehler, wenn sie nicht mehr gegenwärtig ist. H. Schl.