In Paris hat die OEEC beschlossen, Europas Stahlerzeugung in Zukunft um 25 v. H. auf jährlich etwa 62 Millionen Tonnen zu erhöhen. Unter normalen Umständen würde Deutschlands Anteil daran rund 19 Millionen Tonnen betragen, während heute die deutsche Produktion nur rund 13 Millionen Tonnen ausmacht.

In Watenstedt bei den Reichswerken, in Essen bei Krupp und in Duisburg bei Thyssen stehen noch einige Jahres-Millionen an Stahlkapazität verwitternd unter freiem Himmel; zeitfremde Denkmäler westlicher Demontagepolitik. Vor Monaten hatte daher Thyssen den Antrag gestellt, einen begrenzten Wiederaufbau seiner Anlage durchführen zu dürfen. In der vergangenen Woche nun hat das Militärische Sicherheitsamt in Koblenz diesen Antrag abgelehnt. Es beruft sich darauf, daß es nicht befugt sei, Möglichkeiten für eine Erhöhung der Stahlkapazität zu eröffnen, und daß der Thyssen-Antrag in das Gebiet der Dekartellisierung hineinreiche. Das Sicherheitsamt hat damit den Buchstaben seiner Gesetze Genüge getan. Aber es hat weder die wirtschaftlichen noch die politischen Realitäten berücksichtigt. Und auf sie kommt es an.

Bei Thyssen könnte man mit einem Aufwand von nur 67 Millionen DM die gleiche Produktionssteigerung erreichen, für die in Frankreich, Belgien und Italien zwischen 700 Millionen bis einer Milliarde DM aus Marshall-Plan-Mitteln aufgewandt werden müßten. Und nicht genug damit. Weit schlimmer als die wirtschaftliche Unvernunft ist das politische Unheil, das die Entscheidung gegen Thyssen angerichtet hat. Die Alliierten haben der Verständigungspolitik des Kanzlers erneut einen schweren Schlag versetzt und den Scharfmachern Argumente geliefert, die man nicht bekämpfen kann.

Zu guter Letzt ist schließlich bekanntgegeben worden, daß der abgelehnte Antrag von neuem der Hohen Kommission zur Entscheidung vorgelegt werden könnte. Das bereits zerschlagene Porzellan wird auch dadurch nicht wieder gekittet. Vielleicht aber wird man wenigstens auf dem Petersberg – wenn auch wieder reichlich spät – einsehen, daß die Aufrüstung des Westens langsam wichtiger geworden ist als die Abrüstung Deutschlands. Rlt.