Am gleichen Tage, da die Generalversammlung der UNO im Palais Chaillot zu Paris zu ihrer sechsten Sitzungsperiode zusammentrat, versammelten sich in New York im großen Ballsaal des luxuriösen Commodore Hotels sechshundert Delegierte des „Congress of Industriell Organisation“ zu ihrer jährlichen „Convention“. Präsident Truman sandte dem CIO – der fünf Millionen amerikanischer Gewerkschaftsmitglieder vertritt – eine Botschaft, in der er „die Egoisten“ angriff, „die sich mit nichts anderem als ihren eigenen Sonderinteressen beschäftigen.“

Der Präsident des CIO, Philip C. Murray, fand lobende Worte für die Bemühungen Trumans, eine gerechte Wirtschaftsgesetzgebung herbeizuführen. Leider hätte aber eine Kongreß-Mehrheit eine „Gleichheit der Opfer“ verhindert. Die Löhne der Arbeiter wären heute das einzige Element in der Wirtschaft, das rigorosen Kontrollen unterworfen sei. Der CIO jedoch werde sich niemals damit einverstanden erklären. „Wir sind fest entschlossen, den amerikanischen Lebensstandard und die Sicherheit des amerikanischen Arbeiters und der amerikanischen Gewerkschaften zu schützen und zu vervollkommnen.“ Dies war denn auch der Tenor einer einstimmig angenommenen Resolution, obwohl neben dem Arbeitsminister Tobin auch die drei höchsten Funktionäre der staatlichen Organisation für wirtschaftliche Stabilisierung versucht hatten, die Delegierten unter Hinweis auf die drohende Inflationsgefahr von einer überspannten Lohnpolitik abzuhalten.

Am 31. Dezember läuft der Lohnkontrakt der 1,1 Millionen Mitglieder der Gewerkschaft der Vereinigten Stahlarbeiter ab. Murray, der diese Gewerkschaft selbst führt, hat bereits erklärt, daß er eine „wesentliche“, die gesetzliche Regelung außer acht lassende Lohnerhöhung fordern würde. Notfalls werde er streiken lassen. Da der Streik der Stahlarbeiter zu einem unabsehbaren Rückschlag des USA-Aufrüstungsprogramms führen würde, ist anzunehmen, daß die Regierung alles tun wird, um diesen Streik abzuwenden, selbst wenn sie durch höhere Löhne die Inflationsschraube weiter anziehen würde.

Andere Resolutionen, die auf der C/O-Tagung gefaßt wurden, sind in Washington mit ähnlicher Unruhe zur Kenntnis genommen worden. Der Plan der Regierung, die allgemeine Wehrpflicht einzuführen, wurde ebenso einstimmig abgelehnt, wie jedes „Appeasement“ gegenüber „Franco, Perón und anderen Diktatoren“. – Ein eigenes Punkt-Vier-Programm aller amerikanischen Gewerkschaften soll die gewerkschaftliche Entwicklung in der Alten Welt durch Einrichtung von Gewerkschaftsschulen fördern! Und bei den Wahlen im Jahre 1952 schließlich will der CIC „diejenigen Kandidaten mit allen Mitteln unterstützen, die das Programm, die Ideale und die Ziele des CIO begünstigen.“ General Eisenhower gehört offenbar nicht dazu, denn un widersprochen blieb im Commodore Hotel die Erklärung des Schatzmeisters der Gewerkschaft der Vereinigter Automobilarbeiter: „Ich habe die bisherige Tätigkeit General Eisenhowers sorgfältig geprüft und muß feststellen, daß ich nichts gefunden habe was darauf hindeuten könnte, daß er für die organisierte Arbeiterschaft ein annehmbare! Kandidat ist.“

In der Schlußsitzung wurde der 65jährige Philip C. Murray, der das Amt des Präsidenten des CIO seit 1940 innehat, zum zwölftenmal einstimmig wiedergewählt. Nachdem der registrierte Beifallssturm von siebzehn Minuten dreißig Sekunden und der Konfetti-Regen sich gelegt hatte und alle Delegierten zu den Klängen irischer und schottischer Weisen zur persönlicher Gratulationscour an ihrem Führer vorbeidefilier waren, nahm Murray die Wahl für ein weitere Jahr an, als dessen dringendste Aufgabe er du gewerkschaftliche Erfassung jener vielen Millio nen nicht organisierter amerikanischer Arbeiter bezeichnete, deren Löhne mit den höheren Preisen nicht Schritt gehalten hätten. Ernst Krüger