Die grauenhafte Schilderung, die der 22jährige Vorsitzende Berliner Falken, Jürgen Gerull, über das^sowjetdeutsche Zuchthaus Waldheim gab, aus dem er jetzt nach zweieinhalbjähriger Haft entlassen wurde, sollte zu einer Aktion des Westens führen. Gerull hat in dem für 1500 Menschen eingerichteten, aber mit 6000 besetzten Zuchthaus nichts von der Amnestie gehört, mit der Pieck und Grotewohl seit Anfang Oktober geprahlt haben. Hunderte von Jugendlichen befinden sich dort, die bis zu 25 Jahren Zuchthaus absitzen sollen. 700 Schwerkranke siechen dem Tod entgegen ohne nennenswerte Medikamente und ohne Hilfe. Nur dann wurden die Zustände hin und wieder etwas erträglicher, wenn in der westdeutschen Öffentlichkeit Nachrichten über diese Grausamkeiten bekannt wurden. So wurde nach einem Appell der Evangelischen Kirche die Tagesbrotration der Gefangenen um 150 Gramm erhöht. Es darf daher nicht immer nur Berlin überlassen bleiben, Proteste und Appelle an die Sowjetzonen-Verwaltung zu richten. Viel richtiger wäre es, wenn die westlichen Lieferanten von Waren und die Einheitssüchtigen aller Schattierungen im ganzen Bundesgebiet vor jede Verhandlung, die sie mit Ostzonenfunktionären führen wollen, die Forderung nach dem Abbau des kommunistischen Terrors setzten. Sie müßten, ehe sie Geschäfte machen oder Gesprächen zugänglich sind, die Freilassung von jedesmal namentlich genannten hundert Verhafteten verlangen. Daß Regierung und Parteien immer wieder protestieren, ist politisch selbstverständlich. Die Sowjets aber suchen ja gerade in die vielen unpolitischen Ritzen des westdeutschen Lebens einzudringen. Gerade dort müßten sie die Antwort erhalten: Nicht ehe ihr den Terror aufgebt...! K.W.