Von Hansgeorg Maier

Literarisch wünsche ich mir in Deutschland etwas mehr Liebe zur Wahrheit und weniger Neigung zur versponnenen Idylle. Aber der Elfenbeinturm wächst schon wieder, und die Nomen spinnen das Garn der Zukunft um die ewig Gestrigen. Der Webstuhl der Zeit steht immer noch in einer verstaubten Ecke.“ Es ist Hans Werner Richter, Initiator und Chefansager der „Gruppe 47“, der sich so vernehmen läßt; und für seine Person mit gutem Recht. Sein neuer Roman „Sie fielen aus Gottes Hand“ (Verlag Kurt Desch, München) ist frischweg am Webstuhl der Zeit und unbestreitbar aus Liebe zur Wahrheit gewoben. Ein Bestseller-Anwärter und trotzdem ein Stück exemplarischer Literatur; verankert in einer dokumentarischen Enquete, bei der dem Autor Claus Hardt assistierte.

„Wir wählen immer das kleinere Übel und enden im großen.“ Darin liegt die Tragik des Durchschnitts, der in Zeitläuften der Unmenschlichkeit unter die Räder gerät. Hans Werner Richter bezeugt es für die Hoffnungslosen und Verlorenen, die zwischen den Mühlsteinen der Diktatur, des totalen Krieges, den gewittrigen Polaritäten verworrener Nachkriegsjahre scheitern und untergehen. Da ist ein estnischer Hauptmann, der in die Rote Armee hineingezwungen wird und dann zur Wehrmacht überläuft. Eine Lettin läßt sich betören, in Hitlers Partei einzutreten. Eine ostpreußische Wehrmachthelferin wird in Ungarn aus der Bahn geschleudert. Da leistet eine Tschechin, die mit einem deutschen Arbeiter verheiratet ist, während des Protektorats mutig Widerstand gegen die Unterdrücker ihrer Landsleute und wird dann gleichwohl, um der Treue zu ihrem Mann willen, von denselben LanJsleuten verleugnet und ausgewiesen. Ähnlich die Krakauer Chemiestudentin, die gegen die deutschen Eroberer kämpft, aber später vor den russischen fliehen muß. Ähnlich der Warschauer Schusterjunge, der in Europa so wenig seines Lebens Herr wird wie in Israel. Wer auf die falsche Seite setzt, muß verlieren. Für einen Kairoer Stromer und Strolch gilt das so gut wie für einen Jagdflieger Stalins. Wer die falsche Position erwischt, gewollt oder ungewollt, büßt bei lebendigem Leib, sei er ein ukrainischer Patriot, ein jugoslawischer Partisan, ein Hauptmann der Anti-Franco-Armee oder ein Kochlehrling aus Luxemburg, der sein Avancement in Hitlers Kerntruppe bei einer Strafkompanie in Indochina abdient, um obendrein bei der Rückkehr als Kollaborateur mit zwanzigjähriger Landesverweisung bestraft zu werden. Sie alle treffen in einem „Eldorado der Desperados“ zusammen, einem Barackenlager im Herzen Deutschlands, errichtet für den Arbeitsdienst und zwischen 1939 und 1950 jeder erdenklichen anderen Verwendung zugeführt. In diesem Lager gesellt ein sokratischer Einfall des Autors den zwölf Hauptgestalten der Tragödie des menschlichen Durchschnitts einen Dachdecker zu, der bei jeder Neubelegung die Barackendächer nachteert. Prototyp derer, die, in ihre Wabe verkrochen, in enger Heimlichkeit Sturm und Not überstehen, rückt dieser Dachdecker, als die Waffen verstummt sind, zum Stadtverordneten auf. Sein gesunder Menschenverstand plädiert vergeblich für die Schließung des Lagers, als es („eine Verlockung für jede neue Macht“) vorübergehend leersteht; denn nunmehr verweigern die Grundeigentümer die Einwilligung in den Abbruch, weil ihre Pacht rückständig ist.

Solcher satirische Spott regt sich, in Hans Werner Richters Roman freilich bloß am Rande. Zentral vergegenwärtigt das Buch die niederträchtige Eintönigkeit des Niedertrampeins und Gewaltantuns, des Befehlens und Registrierens. Richter stimmt nicht den Grabgesang der Unmenschlichkeit an, sondern bläst die Fanfare des Gewissens. Sie tönt um so heller, als er sich nicht scheut, seinen Leser von einem überlegenen Standort aus zu schockieren. Ist seine Toleranz nicht blind gegen die Schuld, die das Individuum als – innere Figur seines Schicksals tragen muß, so weigert er sich doch, über Gescheiterte und Gestrandete in Bausch und Bogen zu befinden; denn gerade sie „brauchen viel Liebe“.

Um Besinnung und Bereitschaft zur Liebe auszulösen, Erschütterung und Katharsis, greift auch Hermann Stahl in den Webstuhl der Zeit. Allerdings sehr anders als Hans Werner Richter. Statt auf den Erdkreis konzentriert sich Stahl in seinem Roman „Die Spiegeltüren“ (Claasen Verlag, – Hamburg) auf einen begrenzten Ausschnitt, um die größere Welt im Abbild einer fest verschränkten kleineren einzufangen. Zwischen dem Spätsommer 1947 und dem darauffolgenden Frühjahr und zwischen Kleinstadt und Dorf begegnen sich die Gestalten des Romans auf einem Landgut, das die Witwe eines Industriellen ohne hinreichendes Geschick einer wachsenden Verschuldung zu entreißen sucht. Weder dem Sohn noch der Tochter gegenüber zu wahrer Mütterlichkeit fähig, erliegt diese der Intelligenz wie der Vitalität nach durchaus mittelmäßige Frau nicht nur einer panischen Furcht vor dem etwaigen Rückfall in ihre frühere Armut. Sie ergibt sich überdies. einem hysterischen Abscheu vor dem Altern und wird zu einem Schreckbild verzweifelter Lebensangst und heilloser Persönlichkeitszersetzung.

Von der galoppierenden Demontage, des Seelischen zeigt sich sogar der Autor fasziniert. Er widmet dieser einen Romanfigur eine verschwenderische Fülle gleichartiger Situationserfindungen und verwischt dabei unwillkürlich die Konturen. Als gegen den Schluß des Romans das bedrohte Landgut von seinem schlimmen Gläubiger durch einen Schlaganfall befreit wird, scheint sich die Fabel aus dem realistisch-zeitkritischen Bereich ins Märchenhaft-Vereinfachte zu verlagern. Es will nicht einleuchten, daß der mit bohrendem Ernst aufgeworfenen Frage nach einer Heilung der Existenzangst nur insofern Antwort wird, als an die Stelle einer an ihrem Egoismus zugrunde gehenden älteren Generation eine zwar nicht viel weniger belastete, doch unvergleichlich tatkräftigere jüngere tritt.

Die Therapie, die Stahl der seelischen Gefährdung und Haltlosigkeit entgegenzustellen sucht, will nicht verfangen. Um so schlüssiger ist seine Diagnose, daß unsere Zeit bloß „von Punkt zu Punkt“ lebt und daß nicht gezaudert werden, darf, ihre „Wunden zu öffnen“. Herbst und Winter vor der Währungsreform, wie sie Stahl in typischen Zügen erstehen läßt, sind aus unserem Gedächtnis eilfertig verdrängt worden. Wie sie in den „Spiegeltüren“ noch einmal aufklappen, diese Monate, in denen das durchschnittliche Individuum ärger denn je sich selber überlassen war – das ist des Rückblicks auch dann wert, wenn dabei nur ein Segment, eine Idylle zutage kommt. Diese Idylle ist weder versponnen noch gestrig und entblößt Zerfall und Zerstörung ohne Schonung und Scheu. Auch eine Idylle kann vom Webstuhl der Zeit stammen, stehe er selbst in einer verstaubten Ecke. Nichts hindert ja den Weber, den Staub fortzublasen. Hermann Stahl hat es getan.