Mit der Gründung der „Industrial Development-Bank“ in Istanbul bahnt sich in der Türkei eine grundsätzliche Neuordnung der Wirtschaft an: Zweck der Bank ist, die Errichtung neuer Industrien oder die Expansion und Modernisierung bestehender Unternehmen auf privatwirtschaftlicher0 Basis zu unterstützen, sowie die Beteiligung einheimischen und ausländischen Privatkapitals an der türkischen Industrie zu fördern. Es hat sich gezeigt, daß die Beschaffung von Kapital und Devisen für die notwendige Steigerung der industriellen Kapazität und Produktivität, für den Import von Ausrüstungen, die Anwerbung von Experten und die Ausweitung der Handelstätigkeit, nur mit Hilfe des Auslandes und auf privatwirtschaflicher Grundlage zu erreichen ist. Der Übergang von der bisher maßgebenden staatlichen Planwirtschaft auf eine Art von „freier Marktwirtschaft“ fußt weniger auf der Erwägung, daß die Heranziehung von Auslandskapital gewisse Zugeständnisse an die Privatwirtschaft erfordert, als darauf, daß ein Höchstmaß an Wirtschaftlichkeit, Produktivität und rationeller Betriebsführung nicht durch behördliche Anordnung und Verwaltung, sondern nur durch private Initiative und durch die Beweglichkeit, der Wettbewerbswirtschaft zu realisieren sind.

Neben den hauptsächlichen türkischen Banken beteiligten sich die Niederlassungen der Banco di Roma, der Banca Commerciale Italiana und der Hollandsche Bank in Istanbul an der Gründung der Industrialisierungsbank, sowie eine Reihe von Niederlassungen amerikanischer und europäischer Industriefirmen wie z. B. General-Electric, von denen das Kapital in Höhe von 12,5 Mill. Türkische Pfund (£T) gemeinsam gezeichnet worden ist. Die Bank for Reconstruction in Washington hat der Gründung einen Kredit von 9 Mill. $ und die Türkische Staatsbank einen solchen von 12 Mill. £T (18 Mill. DM) zur Verfügung gestellt. In Verbindung mit dem Aufbau eines privaten Kapitalmarktes steht die Planung einer Hypothekenbank in Istanbul unter Beteiligung Schweizer Fachleute. Die beiden größten türkischen Investitions-Banken, die Sumer-Bank und die Eli-Bank, beabsichtigen, sich in Kreditbanken für Industrie und Bergbau umzuwandeln. Die von den beiden Banken abhängigen Unternehmen sollen dabei in private Kapitalgesellschaften überführt werden, so daß eine Reihe von bisher staatlich verwalteten Industrien in Privatunternehmen umgewandelt werden. Von der Sumer-Bank wird das zur Expansion und Modernisierung notwendige Kapital auf annähernd 60 Mill. £T (90 Mill. DM) beziffert.

Als Voraussetzung zur Heranziehung von Auslandskapital liegt der türkischen Regierung ein Gesetzentwurf vor, der den Transfer von Kapital und Erträgen vorsieht. Danach werden mittelfristigen Krediten auf 5 bis 10 Jahre eine feste Verzinsung von 6 bis 6 1/2 v. H. p. a. der Dividenden-Transfer bis zu 12 v. H. p. a. und die volle Rückzahlung des Kapitals jeweils in Fremdwährung garantiert. Weiterhin sollen in steuerlicher Hinsicht ähnlich günstige Regelungen getroffen werden. Mit besonderem Interesse wird die Entwicklung von französischer und belgischer Seite verfolgt, denn die belgische Sofina-Gruppe besitzt größere Beträge blockierter Pfunde in der Türkei, deren Heranziehung zu Investitionszwecken geplant ist. Unter den gegenwärtigen Verhältnissen steht der Ausbau der Schwer- und Rüstungsindustrie zwar im Vordergrund, doch sind auch hierin privatwirtschaftliche Gesichtspunkte dadurch gegeben, daß als Markt der ganze Vordere Orient gewonnen werden könnte.

Die Verwirklichung industrieller Vorhaben oder eine Beteiligung an türkischen Unternehmen bedarf sorgfältiger Vorarbeiten. Es ist zu berücksichtigen, daß die Türkei „auf Anordnung“ Kemal-Paschas ein moderner Staat geworden ist und daß, mangels anderer Möglichkeiten, der Staat auch die westliche Wirtschaftsform einführte. Wenn heute die Türkei das industriell stärkste und wirtschaftlich modernste Land des Vorderen Orients geworden ist, so verdient diese Leistung des türkischen Volkes große Anerkennung. Seit Beginn des ersten Weltkrieges ist die Industrialisierung so schnell fortgeschritten, daß über die Verwirklichung von Projekten oft deren betriebstechnische und kaufmännische Durchorganisation vernachlässigt worden ist. Sogar in den hochindustrialisierten Ländern der westlichen Welt ist die technische und kaufmännische Rationalisierung ein schwieriges Problem; um so mehr gilt das in der Türkei, deren Fachkräfte nur wenig Gelegenheit hatten, ihre Kenntnisse zu erweitern und mit der Entwicklung in den westlichen Ländern Schritt zu, halten. Aus diesem Grunde kommt der Société Fiduciaire Turque besondere Bedeutung zu. In Ergänzung zur Industrialisierungsbank dient diese private Treuhandgesellschaft, die von führenden Kreisen der Politik und Wirtschaft nunmehr in Istanbul gegründet worden ist, als eine Art „Clearinghouse“ zwischen den türkischen Behörden und den in- und ausländischen Privatinteressen. Die „Société Fiduciaire“ strebt danach, ein Sammelbecken türkischer Experten und Institutionen zu werden, die eine Zusammenarbeit mit ausländischen Studiengesellschaften wünschen, mit denen die Gesellschaft dann Verbindung aufnimmt. Auf diese Weise sollen die Basen neu zu gründender Unternehmen erforscht und vorbereitet werden, um ausländischen Investitionen eine Gewähr für Sicherheit und Rentabilität zu geben. Ihre Tätigkeit soll sich auf die Einführung technischer, kaufmännischer und wissenschaftlicher Methodik in bestehende oder neu zu gründende private und öffentliche Unternehmen erstrecken.

Industrialisierungsbank und Treuhandgesellschaft zusammen bieten die Gewähr für einen allmählichen und weitreichenden Neuaufbau der türkischen Wirtschaft. Mit der bereits in Angriff genommenen und/oder vollendeten Modernisierung und Erweiterung der türkischen Häfen, der Eisenbahn und des Straßennetzes – unter Aufwendung erheblicher türkischer Investitionen und ECA- oder Weltbank-Krediten – sind die Voraussetzungen für die angestrebten Ziele bedeutend verbessert worden. Auf der bereits vorhandenen, überraschend breiten industriellen Grundlage, auf einer .relativ reichen Rohstoffbasis und mit einer technisch begabten und fleißigen Bevölkerung wird man nun unter Mithilfe von Kapital und Kenntnissen auf eine verheißungsvolle Entwicklung der Türkei zur „Werkstatt des Orients“ hoffen dürfen. Kann sich eine deutsche Mitarbeit auch nicht auf Kapital stützen, so wird sie doch das deutsche industrielle „Vermögen“ und einen Reichtum an Fachkräften geltend machen dürfen. EOG.