Arthur Schopenhauers Vermächtnis als persönliches und zeitkritisches Dokument

Von W. Fredericia

In einer Ergänzung zu seinem Testament, die er am 4. Februar 1859 unterzeichnete, also eineinhalb Jahre vor seinem Tode, hat Schopenhauer der Frau Caroline Medon, gebornen Richter, 5000 Taler vermacht. Das war etwa ein Sechstel seines Vermögens, ein hoher Betrag für die damalige Zeit. Das Vermächtnis war um so erstaunlicher, als Schopenhauer der erklärte Weiberfeind unter den Philosophen war. „Das niedrig gewachsene; schmalschultrige, breithüftige und kurzbeinige Geschlecht das schöne nennen“ – so hatte er geschrieben – „konnte nur der vom Geschlechtstrieb umnebelte männliche Intellekt: in diesem Triebe steckt seine ganze Schönheit ...“ Und: „In unserem monogamischen Welttheile heißt heirathen seine Rechte halbieren und seine Pflichten verdoppeln.“ Nicht viel versöhnlicher war der Schlußsatz seiner berühmten Schrift „Über die Weiber“: „Daß das Weib, seiner Natur nach, zum Gehorchen bestimmt sei, giebt sich daran zu erkennen, daß eine jede, welche in die ihr naturwidrige Lage gänzlicher Unabhängigkeit versetzt wird, alsbald sich irgendeinem Manne anschließt, von dem sie sich lenken und beherrschen läßt; weil sie eines Herrn bedarf. Ist sie jung, so ist es ein Liebhaber; ist sie alt, ein Beichtvater.“

Die Testamentsbestimmung hat natürlich dem ohnehin großen Interesse an dem Verhältnis des weiberfeindlichen Philosophen zu den Frauen starken Auftrieb gegeben. Daher erzählt auch Hugo Busch in seinem unlängst erschienenen ausgezeichneten Buch „Das Testament Arthur Schopenhauers (bei Eberhard Brockhaus, Wiesbaden) ausführlich, was seither über diese Frage bekannt geworden ist.

Die Geliebte

Schopenhauer lernte Caroline Richter-Medon in Berlin kennen, wo er seit 1820 mit großen Mißerfolg seine Vorlesungen „Über die gesamt: Philosophie oder die Lehre vom Wesen der Welt und vom menschlichen Geist“ ankündigte. Caroline Richter war mit siebzehn Jahren aus Frankfurt-Oder nach Berlin gekommen und durch Vermittlung ihres Onkels als Choristin an der Berliner Oper angestellt worden. Sie hatte zwei Söhne, von denen der eine in der Familie seines Vaters blieb. Eine dritte, nicht ausgetragen: Schwangerschaft, die vermutlich auf Schopenhauer zurückzuführen ist, war der Anlaß, daß sie 1826 um ihre Entlassung aus dem königlichen Chor bat. Doch konnte sie sich mit dem Verzicht auf die Bühne nicht abfinden und trat, in den späteren Jahren ihrer Beziehungen zu Schopenhauer, wieder auf, besonders am Königstädtischen Theater, an dem sie erfolgreich war. Leider hat Schopenhauers Biograph und Testamentsvollstrecker Wilhelm Gwinner, der dieses Liebesverhältnis genau gekannt haben muß, zur Aufklärung der Sache, wahrscheinlich weil er die Abneigung Schopenhauers gegen Eindringen in sein persönliches Leben kannte, nichts beigetragen. Doch ist Genaueres in dem von Busch erwähnten Buch „Schopenhauers Geliebte in Berlin“ nachzulesen, das von dem ebenso intelligenten wie schrullenhaften Wiener Rechtsanwalt Robert Gruber (österreichische Druck- und Verlags-Gesellschaft, Wien, 1934) stammt. Schopenhauer flüchtete 1831 vor der Cholera aus Berlin, das ihm jeden akademischen Erfolg versagt hatte, nach Frankfurt. Eine Zeit lang scheint er noch den Gedanken gehabt zu haben, seine Berliner Freundin zu heiraten oder zu sich zu nehmen. Doch bestand er darauf, daß das nun neunjährige Söhnchen seiner Geliebten nicht bei der Mutter bleiben dürfe – das Kind war während Schopenhauers Italienreise geboren, und die darauf folgenden Auseinandersetzungen zeigten, daß der Philosoph keineswegs frei von Eifersucht war –; daran scheiterte der Plan, und es wurde nun still um Caroline Richter in Schopenhauers Leben. Erst als sie ihm 1858 einen kurzen Gruß schickte, nachdem sie einen Geburtstagsartikel in der „Vossischen Zeitung“ gelesen hatte, lebte die Korrespondenz wieder auf. Einige Monate später setzte Schopenhauer der ehemaligen Geliebten das Legat aus. Offenbar hatte er sich innerlich mit ihr versöhnt. Aber niemand weiß, ob ihre Untreue, achtunddreißig Jahre vorher, Schopenhauers Kritik an den Frauen verstärkt hat.

Caroline Richter war übrigens keineswegs die einzige Frau in Schopenhauers Leben, sondern nur die bekannteste. Eine vornehme Venezianerin, die seine Freundin war, hätte er, wie aus seinem Briefwechsel mit der Schwester zu schließen ist, geheiratet, wenn nicht eine Lungenkrankheit dieser Verbindung entgegengestanden hätte, zeitweise scheint er auch den Gedanken gehegt zu haben, die bildschöne Flora Weiß, Tochter eines / Berliner Kunsthändlers, zu heiraten, die um zweiundzwanzig Jahre jünger war als er. Sie soll jedoch seine Werbung zurückgewiesen haben. „Indessen diese und andere Selbsttäuschungen“ – so zitiert Busch den Biographen Gwinner – „wurden von ihm selbst wieder entlarvt ... und je älter er ward, desto leichter fiel ihm die Entscheidung, desto reichlicher flossen ihm die Gründe gegen jede Art der Verheiratung zu...“