Was die redigierten Memoiren des Herzogs von Windsor verraten, was sie verschweigen und was sie bedeuten

Von Claus Jacobi

White Lodge, 23. Juni“, so steht es in einem Tagebuch aus dem Jahre 1894, „Um zehn Uhr wurde uns ein reizender Junge geboren und wog acht Pfund ... Mr. Asquith kam und sah ihn sich an...“

Mr. Asquith war damals Innenminister Seiner Britischen Majestät und wurde später Premier. Der Tagebuch-Führer war damals Herzog von York und wurde später König von England. Beide sind sie tot. Das „reizende“ Neugeborene aber, das man auf den Namen Edward Albert Christian George Andrew Patrick David taufte, lebt noch heute; es bestieg 1936 als Edward VIII. den Thron und hat jetzt als Herzog von Windsor seine Memoiren veröffentlicht („Eines Königs Geschichte“, Lothar Blanvalet Verlag, Berlin). Der Autor gesteht in ihnen, daß es am 23. Juni 1894 wohl das erste und letzte Mal gewesen sei, daß der Vater seinen Sohn als „reizend“ bezeichnete.

Edward VIII., der Hauptdarsteller der Tragikomödie des Jahres 1936, hat gesprochen. Er hat Bericht erstattet über „die zehn Tage, die die Welt erschütterten“, über jene mysteriösen Ereignisse, deren letzten Akt Louis Bromfield in seiner „Anna Bolton“ so meisterhaft skizzierte, als er schrieb: „In denselben Jahren trat der König von England, Kaiser von Indien, Abkomme der Stuarts, ans Mikrophon wie der Star einer großen Revue und verkündete Europa, Asien, Afrika und Amerika, daß er auf seinen Thron verzichte, ‚für eine Frau, die ich liebe‘ – eine zweimal geschiedene, nicht mehr ganz junge Amerikanerin. Und es ist wahr, daß er noch in derselben stürmischen Regennacht den Kanal kreuzte, ein Niemand, nur von einem Diener, einem Hund und einem treuen Freund begleitet – nicht ganz sicher, wohin die Fahrt ging. Und auch dies ist wahr: Als er die Frau, die er liebte, in Cannes anrief, um ihr seine Abdankung mitzuteilen, da hatte die italienische Regierung die Drähte angezapft und machte eine Schallplatte von dem Gespräch...“

Als vor Monaten von der Cote d’Azur die Nachricht kam, daß der Herzog von Windsor letzte Hand an seine Memoiren lege, da schien es, als habe ein Gespenst an die Tore von Buckingham-Palast geklopft: Der Skandal. Eisiges Schweigen strafte bei Hofe jeden, der an das peinliche Thema rührte, und selbst Labour in Downingstreet zog die Stirn in sorgenvolle Falten. Nun ist der Kelch noch einmal an Whitehall vorbeigegangen. His Royal Highness, der einst vom Volk geliebt, von den Frauen verehrt und von der Gesellschaft als unfehlbarer Schiedsrichter in allen Fragen des guten Geschmacks angesehen wurde, hat wesentlich mehr Takt bewiesen, als man offenbar angenommen hatte. Manch einer, der von der spitzen Feder des Ex-Souveräns den politischen Todesstoß erwartete, mag erleichtert aufgeatmet haben. Mit dem Vorabdruck der Memoiren in amerikanischen und englischen Zeitungen erzielte Windsor mehrere Millionen Dollar. In ihnen fand sich noch manche Bemerkung, die man in dem redigierten Gesamtwerk vergebens sucht. So nennt der Herzog seinen Vater, Georg V., nicht mehr einen Seehund, einen häuslichen Tyrannen“, und auch diese Stelle fehlt: „Als ich meinem Vater erzählte, daß ich im Royal Navy College in Osborne in einem Bett, statt in einer Hängematte schlief, runzelte er die Stirn, als wenn ihm jemand erzählt habe, die Geschütztürme seiner Schlachtschiffe seien durch Cocktail-Bars ersetzt.“ Allein, es ist noch mehr als genug der Windsorschen Ironie übriggeblieben. Von seinem Vater sagt er: „Er glaubte an Gott, an die Unbesiegbarkeit der königlichen Marine und an die Rechtmäßigkeit von allem, was britisch war ... Er mißbilligte Sowjetrußland, gefärbte Fingernägel ... und den damals aufkommenden Brauch, übers Wochenende. wegzufahren.“ Über seinen „kleinen Bruder“ Bertie, den heutigen Georg VI., schreibt der Herzog: „Es tut. bestimmt dem Prestige meines Bruders, des Königs, keinen dem bruch, wenn ich sage, daß ich in unserer Jugend immer über ihn dominierte. Das ist schließlich das anerkannte Vorrecht älterer Brüder.“ Und auch über sich selbst liebt Windsor zu spotten, über sich und seine Häkel-Leidenschaft, der er bis in den Zweiten Weltkrieg hinein frönte: „Ich hielt, meine Lieblingsbeschäftigung natürlich streng gemeine Es wäre nicht gerade das Richtige gewesen, wenn man sich von einem britischen Generalmajor erzählt hätte, daß er mit einer Häkelarbeit beschäftigt über die Straßen hinter der Maginot-Linie rollte.“

Alle ihm begegnenden Personen umreißt Windsor mit der gleichen unfehlbaren Klarheit des Ausdrucks, und nur selten geht dabei die Spottlust nicht mit ihm durch: Die von ihm so verehrte Urgroßmutter „Gangan“, die große Queen Victoria, die „ihr Frühstück in einer drehbaren Laube“ einzunehmen pflegte, die „gräßliche Nanny“, die Kinderfrau, die ihn aus Machtgelüsten ständig in den Arm zwickte, und Mr. Winston Churchill, „der als letzter für seinen König und seinen Freund in die Schranken trat“.