Zahlungsbilanzkrisen ihrer Mitgliedsländer sind noch nicht Krisen der Europäischen Zahlungsunion. Das zeigen das britische und das französische Beispiel. In beiden Fallen stellt sich von der EZU her die rapide Verschlechterung der Zahlungsbilanzpositionen beider Länder als Entwicklung zum Gleichgewicht dar. Denn Großbritannien wie Frankreich waren bisher in einer Gläubigerstellung, was allerdings weniger eine Folge ihrer industriellen Wirtschaftskraft ist als vielmehr die des Rohstoffsogs, von dem beide Staaten devisenmäßig profitierten.

Wenn allerdings, die Entwicklung im gleichen Tempo weitergeht, stoßen erst Großbritannien, das schon Schuldner ist, und dann auch Frankreich, das bei der Oktober-Abrechnung die O-Marke erstmals überschreitet, auf der Schuldnerseite ebenso an das Kreditlimit, wie sie noch vor kurzem das Debetlimit zu durchstoßen drohten. Dann erst würde eine EZU-Krise eintreten, deren Überwindung bereits einmal im Falle Westdeutschlands vorexerziert wurde. Allerdings hat Großbritannien die Krisentherapie schon vorweggenommen und seine Liberalisierung von 75 auf 60 v. H. reduziert, ohne daß die OEEC sich bisher mit dem britischen Fall befaßt, geschweige denn ein Kontrollrecht ähnlich dem gegenüber Westdeutschland gefordert hätte. Allerdings ist den OEEC-Staaten nach dem jüngst veröffentlichten Liberalisierungskodex in der über 60 v. H. hinausgehenden Liberalisierung größere Freiheit belassen als unter dieser Grenze. Bis 60 v. H. soll die Liberalisierung „konsolidiert“ sein, wenn auch seit dem 1. Februar 1951 die Liberalisierung zu 75 v. H. grundsätzlich obligatorisch ist.

Sieht man von der Bremsmaßnahme Großbritanniens ab, so scheinen im Augenblick partielle Schuldnerkrisen nicht akut zu sein; akut dagegen ist die belgische Gläubigerkrise. Belgien hat die Debetlinie bereits überschritten und hat, um seine Gläubigerstellung nicht aufzublähen, exportdrosselnde Maßnahmen ergriffen. Denn es hat kein Interesse, à fonds perdu zu exportieren; die EZU ist aber nicht in der Lage, die belgischen Ansprüche voll in Gold und Dollar zu befriedigen, wie sie es satzungsgemäß eigentlich müßte. Hier beginnt nun die partielle Gläubigerkrise – die Krise im Verhältnis Belgien zur EZU – zu einer generellen EZU-Krise zu werden. Dem wenn eine ausgeprägte Gläubigerposition vielen einigermaßen ausgeglichenen Schuldnerpositionen gegenübersteht – Schuldnern, die sich im 1. oder 2. Fünftel ihrer Kreditquote befinden, die also nur verpflichtet sind, 20 oder 40 v. H. ihrer Neuverschuldung in Gold und Dollar zu begleichen –, so kann der Fall eintreten, daß die EZU mehr Gold und Dollar auszahlen muß, als sie erhält. Die Gläubiger bekommen, solange sie sich im 2. bis 5. Fünftel des Kreditlimits befinden, 50 v. H. ihres Aktivsaldos ausbezahlt und müssen 50 v. H. kreditieren. Wenn sie die absolute Debetlinie überschreiten, müßten sie ihren Saldo voll ausbezahlt erhalten. Besonders in den letzten beiden Monaten war die Konstellation für die EZU sehr unglücklich: Im September hatte sie einen Gold- und Dollarverlust von 66,5 Mill., im Oktober sogar von 100 Mill. Der Gold- und Dollarfonds der EZU ist damit nur noch mit rund 160 Mill. $ ausgestattet.

Wie kann man partielle Krisen vermeiden, die sich zu einer generellen EZU-Krise zu verdichten drohen? Schuldnerkrisen scheinen, zumindest von der EZU her gesehen, das kleinere Übel zu sein. Sie lassen sich, wie im Falle Westdeutschlands, durch Kredite und Restriktionen erfolgreich überwinden. Kann man aber die Gläubigerländer dazu bewegen, entweder à fonds perdu zu liefern oder aber ihren Export zu drosseln? Im Falle Belgiens hat man sich auf einen Kompromiß geeinigt: Belgien bekommt statt 100 nur 50 v. H. seiner Überschüsse ausbezahlt und kreditiert den Rest. Außerdem wurde als Ausfuhrdrosselungsmaßnahme eine 5prozentige Abgabe auf Exporte im EZU-Raum eingeführt. – Der bessere Weg scheint aber jener Italiens zu sein, das im Oktober nun auch seine absolute Kreditlinie erreicht hat. Italien hat die Kontingentierung gegenüber dem EZU-Raum fast vollständig beseitigt und hat darüber hinaus noch Zollerleichterungen gewährt. Es ist damit im Begriff, den expansiven Weg zum Zahlungsbilanzausgleich zu gehen, so wie ihn einst in noch wesentlich schwieriger Situation – aus der Schuldnerposition heraus – Westdeutschland gegangen ist. Die belgischen Maßnahmen sind dagegen bis zu einem gewissen Grade restriktiv; allerdings hat Belgiens Liberalisierung gegenüber dem EZU-Raum bereits 100 v. H. erreicht. W. H.