Der Sieg selbst über einen Weltmeister bedeutet noch keineswegs die Anwartschaft auf eine Olympische Goldmedaille. Aber das ausgezeichnete Abschneiden unserer National-Turnermannschaft über die Besten der Schweiz unlängst in Frankfurt am Main darf uns doch ein wenig Hoffnung geben auf ein gutes Abschneiden unserer deutschen Riege bei den Olympischen Kämpfen des kommenden Jahres in Helsinki. Denn schließlich gehörten die Schweizer auch 1948 in London zu den Besten, und was sie können, haben sie danach, noch oft genug bewiesen.

Die Frankfurter Festtage sind in mehrfacher Hinsicht recht erfreuliche gewesen. Einmal haben sie gezeigt, daß wir wieder Anschluß an internationale Bestleistungen gewonnen haben, und daß es nur eines wohlüberlegten und planmäßig durchgeführten internationalen Turn- und Sportverkehrs bedarf, um unsere Männer und Frauen „olympiareif“ zu machen. Es kommt dabei in erster Linie auf eine sehr sorgfältige Auswahl der Gegner an, mit denen sie sich messen sollen. Der Turner-Länderkampf Schweiz gegen Deutschland, der mit einem deutschen Mannschafts- und Einzelsieg endete, bedeutet auch insofern eine große Freude, als die Anteilnahme des Publikums bewies, daß das Turnen sich langsam aber sicher die Gunst der breiten Masse zu erwerben scheint.

Die Frankfurter Festhalle war mit 11 000 Zuschauern restlos ausverkauft, in den letzten Tagen vor dem Kampfe liefen bei der Organisationsleitung noch über 30 000 Bestellungen ein, die nicht mehr berücksichtigt werden konnten, und am Tage des großen Ereignisses selbst staute sich vor den Toren der Kampfstätte eine riesige Menge enttäuschter Einlaßbegehrender, wie es sonst nur vor großen Boxkämpfen und erstklassigen Fußballspielen üblich ist. Man kann hoffen, daß das Frankfurter gute Beispiel Schule machen wird. Die Turnkunst hat es jedenfalls verdient, auch einmal vom Publikum verwöhnt zu werden.

Natürlich, der Deutsche Turnbund vereinigt eine Million Menschen in seinen Reihen, und darüber hinaus pflegen noch viele das Turnen, die nicht organisiert sind oder Vereinen angehören. Aber die Veranstaltungen der Turner, deren idealer Sinn sich gegen den Materialismus im Sport der heutigen Zeit auflehnt, wurden leider meist recht stiefmütterlich vom Publikum behandelt. Allerdings: herausgeschlagene Backenzähne, zum Teufel gegangene Nasenbeine, gibt es beim Turnen nicht. Noch immer gilt, was Jahn einst über den Geist der Turngesetze gesagt hat: „Gute Sitten müssen auf dem Turnplatz mehr wirken und gelten, als anderswo weise Gesetze.“

Die Krone des Turnens dürften die Übungen an den Geräten sein: am Reck, am Barren, am Pferd und an den Ringen. Geräte, die jedem Kind ein Begriff sind, und die auch Goethe zum Teil schon kannte, der nach dem Urteil seines Arztes Hufeland selbst ein froher Turnersmann und in allen körperlichen Übungen wie Reiten, Fechten, Tanzen und dem Voltigieren am hölzernen Pferd immer der erste war. Er sprach ein Wort, das heute noch genau so wahr ist wie vor bald, 150 Jahren: „Die Turnerei halte ich wert, denn sie stärkt und erfrischt nicht nur den jugendlichen Körper, sondern ermutigt und kräftigt auch Seele und Geist gegen Verweichlichung.“ Das Geräteturnen war ursprünglich wohl ein reiner Zwecksport, denn wozu mag sonst wohl das „Pferd“ in grauen Vorzeiten gedient haben, wenn nicht als Vorübung für die Reitausbildung? Im Laufe der Zeit entwickelte es sich dann auch zu einer Sportkunst, bei der die eigentliche und frühere Bedeutung des Gerätes immer mehr verlorenging. Begabte Turner suchten in der Freude an ihrem Können nach immer neuen und immer verzwickteren Kombinationen und steigerten die Schwierigkeiten von Übung zu Übung. Was man heute bei Turnerkämpfen zu sehen bekommt, ist fast schon Akrobatik

Deutschland hat im internationalen Turnverkehr immer eine hervorragende Rolle gespielt und besonders auch das Kunstturnen maßgeblich beeinflußt. Bei den ersten Olympischen Wettkämpfen zu Athen 1896 stellten wir schon drei Sieger und bei den Berliner Spielen sogar vier. Aber die Amerikaner, die Schweizer, die Finnen, die sich in den letzten drei Jahrzehnten auffallend nach vorn schoben, die Jugoslawen, Ungarn und Italiener, die olympische Ehren errangen, haben alle von der deutschen Turnkunst gelernt. Es wird in Helsinki interessant sein zu sehen, wie sich inzwischen das Turnen weiterentwickelt hat. verschwinden die Wochenendhäuser der Alexandriner, die Feigenbäume, die an beiden Seiten der Straße im weichen Sand wachsen, die Trümmer einer alten arabischen Burg. Dann schwindet langsam die letzte Vegetation und endlose Wüste beginnt. Rechts taucht von Zeit zu Zeit in einer unwahrscheinlichen Bläue hinter den weißen Sanddünen das Mittelmeer auf; meilenweit gibt es nichts Lebendiges mehr auf diesen 90 Kilometer bis nach Alamein.

Fast mit jedem Kilometer werden die herumliegenden leeren Benzinkanister zahlreicher und zahlreicher, sieht man mehr und mehr verrosteten Stacheldraht, werden die noch nicht geräumten Minenfelder größer und größer. Gelegentlich nur taucht ein einsamer Beduine mit seinen Kamelen inmitten eines Minenfeldes auf, vielleicht ohne sich der Gefahr so recht bewußt zu sein. Inschriften lassen wissen, daß hier und da einmal ein