Der Nobelpreisträger Pär Lagerkvist

Mit der Verteilung des diesjährigen Nobelpreises für Literatur an den sechzigjährigen Pär Lagerkvist ehrte die Schwedische Akademie, nicht nur einen skandinavischen Dichter, sondern zugleich einen der ihren aus dem Kreis der „Achtzehn Unsterblichen“. Seine Wortkargheit und Schweigsamkeit sind in seinem Lande sprichwörtlich und stehen im seltsamen Kontrast zu der vollendeten Wortkunst seines fast fünf Jahrzehnte umfassenden Schaffens. Seit Strindbergs Tagen hat Schweden nicht mehr eine so vielseitige dichterische Begabung gehabt.

Die Angst vor dem Tode, die einen schweren Schatten über seine ganze Kindheit warf, wurde zum Zentralproblem seines Fühlens und Denkens. Lagerkvist scheut das Gespräch von Mensch zu Mensch. So hat er ungewollt dazu beigetragen, eine Atmosphäre des Geheimnisses um sich zu verbreiten. Er liebt die dunklen, orakelhaften Antworten, wenn man ihn zur Rede zwingt. „Ich bin ein Gläubiger ohne Glauben, ein religiöser Atheist.“

Als Zweiundzwanzigjähriger war er ein Aufrührer, wiewohl ein „Besonnener“. Popularität erlangte er zuerst mit seiner Gedichtsammlung „Angest“ (1916). In ihr spiegelt sich das Chaos jener Zeit. Ein zweiter Höhepunkt seiner geistigen Entwicklung war in der Prosaschrift „Onda Sagor“ (1924) erreicht. Das im Jahre 1933 erschienene „Böddel“ (Henker), der sich mit dem Machtrausch des Nationalsozialismus auseinandersetzt, wurde auch in dramatische Form gebracht. Nach 1945 schrieb er das Schauspiel „De vises sten“ „Der Stein der Weisen“, ein lebensphilosophisches Drama über die Nächstenliebe. Sein letztes Werk, das ausschlaggebend war für seine Nobelpreiskandidatur, ist der Roman „Barabbas“, der, ein Welterfolg, in acht Sprachen übersetzt wurde. Hier geht es um den von Glaubenssehnsucht getriebenen modernen Menschen, dem es trotz inbrünstigen Bemühens nicht gelingt, ein persönliches Verhältnis zu Gott zu finden.

In seinem Buch „Gast i virkeligheden“ (Gast in der Wirklichkeit) zeichnet der Autor in der Hauptperson des Anders ein Selbstporträt. Auch Anders erkennt den Schmerz des Dualismus und wird von der Lebensangst und gleichzeitig vom Willen, diese Angst zu überwinden, getrieben.

Lagerkvists Kunst, in der sich christliche und heidnische Gedanken begegnen, reicht immer an das Metaphysische. Erlebnisse werden in Verkündigungen verwandelt, Gestalten werden Symbole, in denen sich Zeitkonflikte von ständig wachsender Bedeutung spiegeln. Sein größter Bucherfolg wurde der symbolisch-historische Roman „Dvärgen“ (Zwerg), der eine vernichtende Kritik der Diktatur darstellt.

Der Dichter der Angst ist heute ein Kämpfer für den Humanismus. Er ist ein suchender Geist, ein metaphysischer Grübler. Der Glaube ist bei ihm nicht eine Summe von Vorstellungen über jenseitige Dinge, eher eine Macht, die hindert, daß man sich an irgendeine “Überzeugung bindet: ein Suchen nach der Wirklichkeit.

Engdahl Thygesen