Es ist die Höhe politischer Kunst, mit geringem Einsatz von Kräften den Einfluß des eigenen Landes und der eigenen Idee zu mehren. Diese Staatskunst hat England viele Jahrhunderte hindurch mit Erfolg gepflegt. Einer der letzten Engländer, die dieses stolze Spiel meistern können, ist John Bagot Glubb, Glubb Pascha, Kommandeur der Arabischen Legion, militärisch-politischer Berater der Könige von Transjordanien. Den größten Teil seines abenteuerlichen Lebens hat er im Dienste arabischer Politik verbracht, Politik, die England zu der seinen zu machen trachtete, bis es in den letzten Jahren merken mußte, daß die Geister, die da gerufen wurden, beginnen, sehr selbständig zu werden.

Glubb gehört zu der Generation jener jungen Engländer des ersten Weltkrieges, die sich nicht mehr in das spannungslose Dasein des zivilen Berufes gewöhnen wollten. Der „monotone Kasernenhof“ in Chatham enttäuschte ihn. Bereits 1920 ging er in den Irak, wo freiwillige Offiziere gesucht wurden. Vom Irak führt ihn der Weg nach Transjordanien, und hier geriet er völlig in den Bann der arabischen Kultur. Bei den Arabern fand er jene Ritterlichkeit, die in Europa allmählich ausstirbt. Und er geht heute so weit, das Vordringen des Ritterlichen in Europa der arabischen Herrschaft zuzuschreiben, die mehr als ein halbes Jahrtausend die Randstaaten des Mittelmeers bis nach Spanien und Frankreich hinein beeinflußte.

Doch nicht nur die adlige Lebensform fesselte diesen Engländer an die arabische Welt, auch seine eigene politische Aufgabe, die strategische Landbrücke zwischen Indien und dem Mittelmeer für England zu sichern. Zu sichern gegen die inneren Fehden von Stämmen und Fürsten, die einander mit auswegloser Leidenschaft bekämpften, aber auch gegen den jüdischen Nationalismus in Palästina, der für ihn „Terror“ und „Rebellion“ hieß. Gesichert mußte die Landbrücke vor allem im zweiten Weltkrieg werden, als Raschid Ali den Irak ins deutsche Lager hinübersteuern wollte.

Glubb hat rechtzeitig erkannt, daß die englische Herrschaft den stolzen Völkern des Nahen Ostens leid werden müßte, solange englische Truppen sichtbar im Lande stehen. So entstand der Gedanke der Arabischen Legion, einer Elitetruppe des Königs von Transjordanien, die sich fast ausschließlich aus Arabern zusammensetzt; nur wenige Engländer, an der Spitze Glubb Pascha, bilden den Kern des Offizierkorps. Ausgezeichnete Disziplin und Ausrüstung verleihen dieser Legion einen Korpsgeist und einen Status, der alles überragt, was die übrigen arabischen Länder aufzubieten vermögen. Die Arabische Legion ist nicht stärker als eine europäische Brigade, aber unter den Blinden ist der Einäugige König. Das Geld für diese Legion ist seit jeher von Whitehall gekommen, allerdings nicht direkt, sondern, wie das in der Moderne üblich ist, über die Staatsschatulle des subventionierten Landes, in diesem Falle also Transjordaniens.

Das politische Kunstwerk, die Lebensleistung Glubbs, beruht auf einem Dualismus von echtem Verständnis für die fremde Welt und einem unerschütterlichen Bewußtsein für die eigenen Aufgaben und Ziele, einem Dualismus, der auch bei Engländern nur selten anzutreffen ist. Glubb ist im Denken, Empfinden, ja sogar im Lebensstil nahezu ein arabischer Fürst geworden. Aber in seinem politischen Urteil drückt sich immer wieder das imperiale Denken des Engländers aus. Die Loyalität der Araber, über die er verfügt, lenkt er nach englischen nationalen Interessen. Die Außenpolitik der Höfe, auf die er Einfluß hat, wendet er wie von ungefähr der britischen Sache zu. Die große Krise für sein Lebenswerk entstand, als sein Freund Abdullah, König von Jordanien, einem Attentat zum Opfer fiel. Würde Talal, der neue König, imstande sein, die eigene Abneigung gegen den übermächtigen Freund seines Vaters zu überwinden und sich auf einen englandfreundlichen Kurs einzustellen? Glubb, der in seinem abenteuerlichen Leben stets das Wagnis liebte, den Arabern selbst die Entscheidung zu überlassen, riskiert auch diesmal alles, um vielleicht alles zu gewinnen: einen neuen Verbündeten. Wilhelm Wolfgang Schütz