A ls 1931 die Lübecker Kirchenbehörden die Aufführung des Mysterienspiels, das ihnen Hans Henny Jahnn für ein Jubiläum der Totentanzfresken in der Marienkirche geschrieben hatte, im letzten Augenblick verhinderten, da bekamen sie scharfen Tadel zu hören. Lübeck habe, so etwa äußerte sich Herbert Ihering, die Chance verpaßt, dem Salzburger "Jedermann" alljährlich ein nordisches Gegenstück an die Seite zu setzen und die Marienkirche zu einem zweiten kosmopolitischen Wallfahrtsort zu machen. So hohen Rang und so starke szenische Wirkung habe Jahnns Werk.

Der Dichter tat das ungespielte Drama in die Schublade, und die Entscheidungen von damals konnten nicht nachgeprüft werden, bis jetzt, nach zwanzig Jahren, eine Matinee der "Hamburger Lektüren Bühne", der unter, Rolf Italiaatiders rastloser Initiative gestarteten Selbsthilfeaktion bedeutender und minder bedeutender norddeutscher Bühnenautoren, das seinerzeit und inzwischen Versäumte nachgeholt hat. Zehn Sprecher (darunter ein so eminenter wie Walter Franck) saßen, den Oberkörper im Gewände der Totentanzfiguren und mit angedeuteter Maske, hinter Tischen, von denen Namensschilder herabhingen; abseits ein Ansager, im schwarz verhangenen Hintergrund wurden "jeweils Gruppen sichtbar — Polizei, Arbeitslose. Instrumentarien vor der Rampe (Oboe, Klarinette, Fagott Posaune und Pauke) spielten zwischen den Bildern die seltsam insistierende, in früher, harter Polyphonie ein girrendes Thema verarbeitende Musik des siebzehnjährigen Yngve Trede, den Jahnn als seinen künstlerischen Pfiegesohn hält und in dem er so etwas wie einen kommenden deutschen Oliver Messiaen erblickt.

So wie sie war, ein halbszenisches Provisorium ohne Gebärde, ganz aufs Wort und die Töne gestellt, erwies sich die Darbietung diesem großartigen Gedicht als genau angemessen. Jahnn ist kein Szeniker, und der "Neue Lübecker Totentanz" kein nordisches Welttheater, sondern ein Zyklus von dialektischen Gesprächen, Auden und Spender verwandter als Hofmannsthal oder Claudel. Als mythische Gesprächsfolge aber steht es unvergleichlich da, ein Stück großer Poesie. Der Lübecker Auftrag von 1931 lautete: das Ende des Spiels müsse tröstlich sein. Ernst Barlach lehnte ihn deswegen ab. Jahnn ging er nicht gegen die Überzeugung. Er ließ und läßt das Leben siegen — das Leben als Ablauf der Natur, Stutenherde auch hier). Aber über den Tod hatte er damals Dinge zu sagen, die allen anderen erst heute aufgegangen sind: neben den alten Tod des Totentanzes, das Gerippe, stellt er den "feisten Tod" des technischen Zeitalters, der die Menschen ohne Ansehen der Person verschlingt. Der alte Tod ist tot; aber sein Unsterbliches, neigt sich, am feisten Tod vorbei, den Lebenden zu. So kann die Mutter, durch seinen Zuspruch von der Lebensangst erlöst, getrost die Augen schließen. Bekannt werden sollte diese Dichtung in jeder deutschen Stadt — auch wenn sie für Altar oder Bühne zu spröde ist. Sie ist ein heidnisches Oratorium des Wortes. Christian E. Lewalter