Von unserem römischen Korrespondenten

F. G. Rom, im November

Das interessanteste Phänomen im Nachkriegs-Italien sind die politischen Ketzer. Die Demochristen fürchten nicht so sehr die Kommunisten, die Kommunisten nicht so sehr die neofaschistisch-monarchistische Reaktion und die Faschisten nicht so sehr die antifaschistischen Artikel der republikanischen Verfassung, sondern die größte Angst hat jede dieser Gruppen vor ihren eigenen Abtrünnigen. Italien erlebt heute ein ungewöhnliches Aufblühen des politischen Ketzertums. Es ist durchaus nicht revoltierender Aktivismus der Italiener, sondern sehr viele sind der tonangebenden politischen Parteien überdrüssig, die irgendwie enttäuscht haben und keinen Ausweg aus den Übeln zu bieten scheinen, die Italien bedrücken.

Die Ketzer des togliattianischen Kommunismus klagen die KP an; sie habe Marx verraten, die der Christlichen Demokratie beschuldigen de Casperi, er habe Christus der reinen Politik geopfert, die des Neofaschismus erheben das Schwert gegen Almirante, der Mussolinis Erbe im billigen Opportunismus des Sich-unbedingt-Wichtigmachens verwässere. Was ihnen allen gemeinsam ist, das ist die wilde Anklage des Konformismus, die sie gegen die Führer der offiziellen Parteien erheben, aus denen sie gekommen sind. Die Anklage des Sichstille – Dareinschickens in die momentanen Gegebenheiten, in die Dinge, wie sie heute liegen, um vorübergehende Vorteile zu erhaschen. Alle Ketzer anerkennen nicht die Blockteilung in Osten und Westen; keiner von ihnen ist neutral – denn Neutralität wäre nicht Ketzertum, sondern Stillstand, Resignation –, sondern alle sind für die Überwindung der Blöcke – auch durch Sabotage, wenn nicht anders möglich. Alle Ketzer erheben die soziale Frage in den Zentralpunkt ihrer neuen Ideologien; ob sie sie nun marxistisch, christlich oder faschistokorporativistisch lösen wollen, die Lösung ist revolutionär. Weit, weit revolutionärer als die dogmatischen Lösungen, die die fanatischsten Moskau-Anhänger bereithalten. Das ist das Merkwürdige an ihnen. Das Gefährliche an ihnen ist, daß sie im Grunde bereits das aussprechen, was im Unterbewußtsein des „kleinen Mannes von der Straße“ nistet, ohne daß er es bisher bemerkt hätte.

Dossetti und der Degasperismus

Giuseppe Dossetti, der Führer der „linken“ Demochristen, hat; seine Stellung verlassen. Die katholische Partei, die er anstrebte, war der Reinheit der Prinzipien näher als dem alltäglichen Kompromiß der politischen „Wirklichkeit“. Der Wahlerfolg der Democrazia Cristiana 1948 hatte ihn begeistert. Er glaubte damals, daß der große Volksentscheid des italienischen Volkes für das rote Kreuz auf weißem Schild – das Symbol der Demochristen – eine „Rückkehr“ zum Christentum bedeute. Fast augenblicklich stieß er mit de Gasperi zusammen, der in der Christlichen Demokratie nichts anderes als einen Damm gegen den Kommunismus sah. Dossetti hat drei Jahre gegen den „Degasperismus“ gekämpft, mit dem Ungestüm seiner Jugend und dem Fanatismus des Gläubigen und ohne jeden persönlichen Ehrgeiz. Die katholischen Studenten und Arbeiter folgten ihm. Die „Dossettianer“ schienen bereits die Basis der Partei erobert zu haben. Da taten sich die anderen Strömungen zusammen – die transformistischen Degasperianer und die „Salazarianer“ der Katholischen Aktion – und Giuseppe Dossetti ging.

Was ist nun Dossettis „Integral-Christentum“? Vielleicht wissen nicht einmal Dossetti und seine Freunde selbst es ganz zu definieren. Es ist vor allem die Begeisterung einer Gruppe von jungen Leuten, die aus der katholischen Universität des Sacra Cuore hervorgegangen und durch das gemeinsame Gelöbnis der Ehelosigkeit, der Enthaltsamkeit, der Armut und des Kampfes für die Kirche stärker aneinander gebunden sind, als politische Interessen binden könnten. Eine tatsächliche Rückkehr zur Religion des Franziskus, des Armen von Assisi, und von da zum Urchristentum. Dossetti war der Führer der Gruppe. Finanzminister Pella, der liberalwirtschaftliche Demochrist, war von ihrer Welt weiter entfernt als selbst die Kommunisten! Seine Lira zu verteidigen war ihm wichtiger, als die „Hoffnungen der armen Leute“ zu befriedigen, an die ihn Dossetti alle paar Wochen aufrüttelnd erinnerte. Und de Gasperi hatte, eine andere Außenpolitik in Sicht als die des bescheidenen Mahnens der Mächte an die pazifistische Rolle, die Rom nach der Absicht der „Dossettianer“ in der Welt von heute zu spielen hätte. Dossetti ist enttäuscht gegangen; man kennt nicht die Zahl der Arbeiter und Studenten, die ihm folgen werden. Die Lücke, die er in der Democrazia Cristiana zurückgelassen hat, kann kein anderer ausfüllen.