Von August Winnig

Der jetzt 73jährige August Winnig, früher Oberpräsident von Ostpreußen, 1920 aus der SPD. ausgeschlossen, der sich im Laufe eines reichen Politiker- und Schriftsteller-Lebens vom marxistischen zum christlichen Sozialisten entwickelt hat, stellt uns den folgenden Beitrag zur Verfügung.

Nach dem Niederbruch der Hitlerschen Diktatur haben wir wohl alle, wenn auch nur vorübergehend, geglaubt, jetzt würde uns der wohltuende Status der bürgerlichen Freiheit nach dem Muster der westlichen Demokratie gesichert sein. Das Besatzungsregime hatte freilich mit der Demokratie nichts zu tun, aber immerhin war es auch unter der Besatzung ganz gefahrlos geworden, in der Eisenbahn oder Straßenbahn oder auch beim Warten in der Friseurstube ganz offen zu kritisieren und zu schimpfen. Außerdem konnte die Besatzung ja nur ein vorübergehender Zustand sein – die Demokratie war uns gewiß.

Den ersten Mißgeschmack verspürten wir an der Entnazifizierung, als Hunderttausende harmloser Leute, die der Saugkraft der Masse, nicht hatten widerstehen können und sich unter den Schutz der Partei begeben hatten, nicht nur des Wahlrechts verlustig gingen, sondern obendrein nicht länger in ihrem Beruf beschäftigt werden konnten, als etwa Forstmeister allenfalls noch als Holzhacker und Universitätsprofessoren vielleicht als Straßenfeger beschäftigt wurden. Man schob die Schuld zu Unrecht den Besatzungsmächten zu, aber es waren landeseigene Behörden und deutsche „Demokraten“, die dieses unwürdige Schauspiel, inszenierten. Damals sagten kritische Beobachter: Demokratie ist Herrschaft der Bürokratie. Es schien wirklich so, wenigstens bei uns. Jetzt sagt man auf Grund neuer Erfahrungen: Demokratie ist Korruption. Abgesehen von ungezählten Korruptionsfällen minderen Maßes, denkt man dabei an die Fälle Auerbach, Pinkermann und ein paar ähnliche Großkorrupteure. Aber diese bedenkenlosen Verallgemeinerungen schießen alle über das Ziel hinaus. Die Demokratie braucht weder dies noch das zu sein. Sie ist oft ein Herd der Korruption, aber Großbritannien, die älteste Demokratie der Welt, ist einer der saubersten Staaten.

Wir sind heute nicht sicher, daß uns die Demokratie erhalten bleibt. Die Bundesregierung und ihr Parlament sind heute schon kaum fähig, die Machtansprüche der Gewerkschaften abzuwehren. Die Gefährdung der Demokratie kommt von dort und nicht von Remer und seiner Gefolgschaft. Eine neue Hitlerei ist bei uns nicht möglich; die Franzosen konnten auf einen zweiten Bonaparte hereinfallen, aber sie konnten es nur, weil der erste in einem heldisch-tragischen Lichte stand; ein solches Licht wird an Hitler keiner entdecken; wer ihm nachstrebt, muß bereit sein, das Regime in seiner Gesamtheit zu verteidigen. Diese Last wird – jeden Aspiranten erdrücken. Jeder ernsthafte Versuch brächte den Bürgerkrieg. Das Volk würde jede neue Hitlerei zertreten.

Mit größerer Sorge müssen wir jedoch auf die Gewerkschaften blicken. Sie werden wahrscheinlich niemals militante Jugendgruppen bilden und nie zu der direkten Aktion der Saalschlachten und – des Straßenterrors greifen, weil sie sich 1932/33 überzeugen mußten, daß ihnen solche Methoden nicht liegen; die „Hammerschaften“ jener Zeit sind niemals aktiv geworden. Die Kampftaktik der Gewerkschaften ist noch immer wie vor 50 Jahren die der gekreuzten Arme; ihre. Waffe ist der Streik. Aber sollten sie nicht auch über den Streik hinausgewachsen sein? Wir leben nicht mehr im Frühkapitalismus. Damals wäre der Streik eine nationale Pflicht gewesen, aber es war noch keine Gewerkschaft da, die ihn hätte veranlassen können. Die Streiks in den letzten zwei Jahrzehnten vor dem ersten Weltkriege brachten die deutschen, Löhne auf das europäische Lohnniveau, genauer gesagt, sie glichen sie den Löhnen in England und in den skandinavischen Ländern an; die anderen Länder, Frankreich, Luxemburg, Belgien, Holland, auch die Schweiz, Österreich und Italien, blieben hinter den steigenden deutschen Löhnen zurück. Es war die klassische Zeit der deutschen Gewerkschaften, die lohnpolitisch aus dem vollen einer prosperierenden Wirtschaft schöpfen konnten. Es war ein schwerverständlicher Irrtum, daß sie glaubten, diese Methode nach dem ersten Weltkrieg wiederaufnehmen zu können. Die Regierung hinderte sie nicht daran – die Folgen kennen wir.

Unverständlich ist es, daß sie heute in den gleichen Fehler verfallen. In jener klassischen Zeit war die wirtschaftliche Vernunft bei den Gewerkschaften, heute ist sie bei der Gegenseite, die vor dem verhängnisvollen Zirkel von Löhnen und Preisen warnt und sich den Forderungen widersetzt. Eine demokratische Regierung hat in diesem Falle nur das Mittel der moralischen Einwirkung. Aber wie können volkswirtschaftliche Gründe und Vorhaltungen wirken, wenn der andere in der Klammer des Klassenkampfes steckt? Die englischen Gewerkschaften, von dieser Klammer frei, stimmen dem Lohnstopp zu. Die deutschen Gewerkschaften können es nicht.