Von Peter Loschew

Sie kamen auf der Reichsstraße 201. Auf der Bundesstraße 201 wollen sie wieder von dannen ziehen. Sie kamen, weil Rotarmisten sie von ihren Höfen vertrieben, ihre Äcker verwüstet und ihre Frauen geschändet hatten. Sie wollten wieder von dannen ziehen, weil sie ohne Arbeit, ohne Wohnung, ohne Besitz und ohne Hoffnung elendiglich zugrunde gehen müssen. Die Flüche linge von Süderbrarup wollen wieder trecken.

Während auf der Gründungsversammlung des „Bundes Vertriebener Deutscher“ in Hannover der Bundestagsabgeordnete Linus Kather zum Ersten Vorsitzenden gewählt wurde, während Bundeskanzler Dr. Adenauer eben dort betonte, eine Wiedervereinigung Deutschlands würde die rechte Lösung der Flüchtlingsfrage bringen, während der Bundesminister für die Vertriebenen, Dr. Lukaschek, erklärte, man könne bei dem Vertriebenenproblem nur an den guten Willen der Länder appellieren – während all dieser hochherzigen Ansprachen mächtiger Politiker an der Leine, sitzt in einer Dachkammer der Holmer Straße 1 in Süderbrarup ein Flüchtling,einer von zehn Millionen, ohne Titel, ohne Heizung, ohne Existenz. Er kann die trostreichen Worte aus der niedersächsischen Hauptstadt nicht hören, weil er kein Radio hat, und doch setzen Tausende von Flüchtlingen schon heute größere Hoffnung auf ihn, als auf alle Minister und Abgeordnete unseres Staates zusammen. Denn dieser Flüchtling in der Dachkammer ist einer der zwei Führer und Väter des Selbsthilfe-Trecks.

300 000 Flüchtlinge aus den Grenzländern Bayern, Niedersachsen und Schleswig-Holstein sollten gemäß dem Bundesgesetz vom 23. Mai 1951 bis Jahresende in die südwestdeutschen und westdeutschen Länder umgesiedelt werden. Schon im Frühsommer sprach man von „überaus großen Schwierigkeiten“. Im Spätsommer gestand man, daß „das Soll wohl kaum erfüllt“ werden könnte. Und nun, da die letzten Blätter fallen, fallen auch die letzten Schleier von allen Illusionen. Statt 300 000 sind bisher 11 000 Flüchtlinge umgesiedelt worden! Wer hat schuld? Wer weiß es? Aber die Flüchtlinge wollen auch gar nicht wissen, wer schuld hat. Sie wollen nur leben. Und dort, wo sie der Krieg hingespült hat, können sie kaum vegetieren.

Süderbrarup – noch nicht Stadt und nicht mehr Dorf – liegt im Nordosten von Schleswig. Es geht in diesem Ort nicht schlimmer zu als anderswo im Lande Schleswig-Holstein. Und das sieht so aus: 2000 Einheimischen stehen 2400 Flüchtlinge gegenüber. Die Hälfte aller Einwohner lebt aus öffentlichen Kassen. Für die Vertriebenen gibt es keinen Platz zum Wohnen, zum Arbeiten und zum hoffen. Das war gestern so, das ist heute so, und das wird morgen so sein. Zwei Umsiedlungskommissionen sind seit Kriegsende in dem Ort aufgetaucht. Beide erschienen in Form einer in eine Staubwolke gehüllten Autokarawane. Von beiden erfuhren die Gemeindebehörden nur zufällig, und beide benahmen sich, so sagt der Bürgermeister, wie „Sklavenhändler aus dem Mittelalter“. Eine Kommission aus Württemberg-Baden nahm zwei Familien mit, nachdem sie deren Muskeln befühlt, Kenntnisse getestet und Weltanschauung geprüft hatte. Eine Kommission aus Südbaden nahm überhaupt niemanden mit. Sie wollte nur Katholiken. Und die sind nun einmal unter Pommern und Ostpreußen rar. Einem sechzigjährigen leidenschaftlichen Angler, der optimistisch bat in der Nähe des Bodensees angesiedelt zu werden, antwortete der südbadische Kommissionsvorsitzende: „Aber mein Alter! Sie sind doch Protestant und dort unten wohnen nur Katholiken.“ – „Macht nichts“, sagte der protestantische Angler, „auch Katholiken sind Menschen .. Seit dem Umsiedlungsgesetz vom Mai dieses Jahres ist in Süderbrarup überhaupt keine Kommission mehr erschienen, geschweige denn eine Familie umgesiedelt worden, und der erste Fall einer Einzelumsiedlung, die kürzlich von der Gemeinde versucht wurde, scheiterte ebenfalls. Ein Flüchtling, der nach jahrelanger russischer Kriegsgefangenschaft hier im Norden seine Familie wiedergefunden hatte, nahm nach einigen Monaten erneut das Los der Trennung auf sich, um arbeiten zu können. Er ging ins Ruhrgebiet und fand in Hattingen auch tatsächlich eine Anstellung. Nun wollte er seine Frau und seine Kinder nachholen. Amtlicher Bescheid aus Hattingen: In absehbarer Zeit unmöglich. Folge in Süderbrarup: Nervenzusammenbruch der Frau, die ins Krankenhaus eingeliefert werden mußte. Kommentar des Bürgermeisters: Man sagt uns, in Rußland würden die Arbeiter wie Nummern behandelt. Und hier?

Dies alles geschah in Süderbrarup. Dies alles geschieht tagtäglich in ganz Schleswig-Holstein. Es war ein Zufall, daß nach dem kläglichen Scheitern des Bundes-Umsiedlungs-Planes der Treckgedanke in Süderbrarup geboren wurde. Er hätte ebensogut in der Husumer Gegend entstehen können, wo noch heute Vertriebene in Erdhöhlen hausen, und wo heute auch wieder die Treckwagen ausgebessert werden ...

Die, Luft in dem winzigen Amtszimmer des Bürgermeisters von Süderbrarup ist zum Schneiden. Fünf Männer sitzen um einen Tisch. „Wir billigen den Treck; der Opfergang der Gemeinde am Bußtag gilt dem Treck“, sagt der Bürgermeister, und seine Mitarbeiter nicken bedächtig mit ihren Köpfen. „Wagen, Verpflegung und Pferde – unsere Bauern werden sie nur allzu gern zur Verfügung stellen. Sie wissen genau so gut wie wir: So kann es nicht weitergehen. Ihre Kinder lernen nichts mehr auf den Schulen, weil der Schulraum zu knapp ist. Ihre Söhne und Töchter können nicht heiraten, weil siekeine Wohnungen finden. Mit Sorge muß ich daher feststellen, daß sich auch hier in der Landschaft Angeln die Stimmen mehren, die für eine eigenmächtige schleswigholsteinische Lösung eintreten. Die einen wollen den alten Kanalstaatsgedanken aufwärmen, die anderen setzen auf Dänemark. Die einen hoffen, daß die UNO sie von dem Flüchtlingsdruck befreien, würde, die anderen, daß Kopenhagen einen Ausweg finden wird.“