Der Vorsitzer des ESSO-Vorstandes, Gerhard Geyer, begeht soeben das Jubiläum seiner 25 jährigen Firmenzugehörigkeit.

Der Mann, der heute das deutsche Unternehmen der amerikanischen Weltfirma ESSO leitet, ist in Augsburg, wo sein Vater Direktor des Anna-Gymnasiums war, aufgewachsen, in einem Hause, in dem man die Literatur, die Künste liebte, in einer Umwelt, in der die humanistischen und religiösen Prinzipien unangetastet waren. Anno 1914 hat Gerhard Geyer dann feststellen müssen, daß sein in sehr jungen Jahren bestandenes Abitur die Reifeprüfung für die Front bedeutete. Vier Jahre Krieg. Geyer wurde Offizier und wollte es bleiben. Im letzten Kriegsjahr, vor „Toresschluß“, wurde er verwundet und gefangen. Als er 1920 zurückkam – ein Spätheimkehrer – war die Welt verändert. Geyer war in der gleichen. Lage, in der auch nach dem zweiten Weltkrieg viele junge, gewesene Offiziere waren. Er trennte sich von den alten Berufsvorstellungen und trat in den Dienst verschiedener Firmen. Nachdem er einige Jahre als Vertreter eines deutschen Unternehmens auf dem Balkan gearbeitet hatte, führte ihn der Zufall 1926 zur „Deutsch-Amerikanischen Petroleum-Gesellschaft“, die heute den gleichen Namen wie die amerikanische Muttergesellschaft und wie alle internationalen Schwesterngesellschaften trägt: ESSO.

Ende 1932 wurde Geyer wieder nach Hamburg geholt. Nachdem er als Reisender in Heilbronn angefangen hatte, Inspektor und Abteilungsleiter in der Zentrale und Leiter der Verkaufsabteilung München gewesen war, wurde er Leiter der zentralen Verkaufsabteilung. Auf diesem Posten verfocht er in den Jahren 1937 und 1938 die Idee einer Neuorganisation: Früher hatte es 19 regionale Verkaufsabteilungen gegeben mit jeweils eigener Buchhaltung. Geyer vertrat die Ansicht, daß weitaus weniger Niederlassungen mit eigenem Bürobetrieb genügen würden; es sind heute nur vier. Warum? „Zentralisierung der Büro“, Dezentralisierung der Verantwortung,“ –: so seine eigene Formulierung. „Dies setzt größeres Vertrauen in den einzelnen voraus und gibt ihm höhere Bedeutung und Befriedigung“.

Die schwerste Krisenzeit –: der Krieg, 1939 war Gerhard Geyer Mitglied des Vorstandes geworden. Als der Krieg ausbrach, trafen Regierung und OKW eine Regelung, die man vorausgesehen hatte. Berlin schuf das „Zentralbüro“, in dem die deutschen Ölfirmen zusammengeschlossen wurden und das vom Wirtschaftsministerium und dem OKW überwacht wurde. Berlin wußte, wo die Fachleute saßen und bediente sich ihrer. So trat Gerhard Geyer jene Delegationsreise nach Moskau an, die sich mehrfach wiederholte und die ihm Gelegenheit gab, der Kenntnis des autoritären deutschen Staates die Erfahrungen mit dem hyperautoritären sowjetischen Staat hinzuzufügen.

Der persönliche Saldo nach dem Krieg: Die Wohnung in Berlin zerstört, die Wohnung in Hamburg vernichtet. Optimist, der Geyer geblieben war, hat er alle privaten Verluste leicht genommen. Denn was ihn in den Monaten nach der Niederlage Neues und Besseres für das Unternehmen hoffen ließ – das heute mit 5000 Firmenangehörigen wieder blüht wie einst, obwohl ein Drittel des Absatzgebietes verloren ging –, war Geyers Kenntnis der amerikanischen Mentalität. Er war überzeugt, daß bei den alten Partnern kein Ressentiment dem neuen Kontakt zwischen der deutschen Firma und der amerikanischen Muttergesellschaft hinderlich sein werde.