Freiburg, im November

Das Drama „Und er verbarg sich“ von Ignazio Silone geht in Inhalt und Fragestellung zum Teil auf seinen Roman „Brot und Wein“ zurück. Es ist keine getreue Dramatisierung oder gar nur Dialogisierung der epischen Vorlage, sondern die Handlung wird einerseits vereinfacht, andererseits dialektisch verschärft, vor allem aber auch mit den traditionellen Stilmitteln des italienischen Theaters erfüllt. Den stärksten Eindruck dieser deutschen Erstaufführung an den Städtischen Bühnen Freiburg gewann man darum auch nicht von den gedanklichen Auseinandersetzungen um Freiheit, Gemeinschaft und Nächstenhilfe, sondern von jener einfachen Litanei der trauernden Frauen, die mit den ständig wiederkehrenden Wortrefrains, mit ihrem ganzen melodramatischen Sprechgesang der Überlieferung des italienischen dramma seria entstammt.

Wenn der Revolutionär Spina, um der Polizei zu entgehen, einen Priesterrock anlegt, ist sogar die Verkleidungstechnik der commedia dell arte nicht mehr so fern. In Freiburg hatte das die Inszenierung des Chefdramaturgen Willy Grüb etwas zu schwer, zu deutsch, zu protestantisch genommen. Gewiß liegt in der Rückbesinnung Silones auf den sozialen Gehalt des Urchristentums ein gewisser protestantischer Zug: „Man darf die eigene Freiheit nicht von den anderen verlangen, die Freiheit muß man sich nehmen“, sagt er einmal. In der Lehre seiner armen abruzzischen Cafoni von Christus als einem Christus der Armen ist durchaus etwas von dem revolutionären Geist der Bauernkriege lebendig, aber zuletzt führt er alles doch wieder auf die ererbte allgemeine Gemeinschaft derer zurück, die guten Willens sind und duldend ihr Kreuz auf sich nehmen.

Am Beispiel der sozialistischen Untergrundbewegung im faschistischen Italien von 1935 entwickelt Silone das Gleichnis des Menschen Christus, der nach Golgatha ging. Aber – und das ist Silones neue und eigene Deutung – voran geht ihm hier Judas, der nicht mehr der dreißig Silberlinge bedarf, um seinen Meister zu verraten, sondern der schon im Verhör der Staatspolizei kirre gemacht ist. In dem Welterneuerer und Menschheitsbeglücker Pietro Spina und dem verräterischen Studenten Murika stehen sich die beiden; Typen des Revolutionärs gegenüber; „Nicht die Angst vor unserer irdischen Existenz darf uns mehr bewegen, sondern einzig und allein unser Wunsch nach Gemeinsamkeit, nach gegenseitigem Verstehen, nach Brüderlichkeit“, heißt das Fazit.

Es ist ein mit Geda’nken und Problemen fast bis zum Bersten gefülltes Werk, das die Erkenntnisse von Silones ganzem Lebensweg umschließt, in der Wandlung vom sozialistischen Agitator zum Märtyrer christlicher Bruderliebe bewußt autobiographische Züge trägt und in der abstrahierten Fülle tiefgründiger Gespräche bereits wieder den Rahmen des Theaters überschreitet. Das Publikum der Universitätsstadt Freiburg zeigte sich sehr aufgeschlossen und bereitete dem schwierigen Stück einen eindeutigen Erfolg.

Ulrich Seelmann-Eggebert