Friedrich Sieburg: Was nie verstummt, Begegnungen. (Rainer Wunderlich Verlag, Tübingen und Stutlgart 264 S., Leinen 9.80 DM)

Sieburg ist unter denen, die heute in Deutschland schreiben, eine rara avis, ein seltener Vogel – nämlich ein Schriftsteller in jenem Sinne des Wortes, der anderswo (etwa in Frankreich; nicht mehr erläutert zu werden braucht (weil es dort viele Schriftsteller gibt), in Deutschland aber wieder eigens vorgestellt werden muß. Einen Schriftsteller macht die zärtliche und schmerzliche Liebe zur Sprache aus, die bange Lust am Abenteuer des Wortes, die Aufgeschlossenheit für alle Eindrücke, die unablässige. Nötigung zu beobachten, zu erinnern und zu vergleichen. Das Ich des Schriftstellers entäußert sich rastlos an die Umwelt, aber es bleibt der Bezugspunkt für alles Gesehene. Es macht sich zum Spiegel des Lebens und spiegelt zugleich sich selbst im Wechselspiel der Erfahrungen. Darum sehen viele mit Argwohn auf den Schriftsteller und meinen, er komme ihnen indiskret. Aber wenn schon für den Dichter Goethes Wort gelten muß: „Dichter ist umsonst verschwiegen, Dichten selbst ist schon Verrat“ – um wieviel mehr für den Schriftsteller, der seine Haut unverkleidet und unverschwiegen zu Markte tragen muß!

Wer das Organ für diese Form des gefährlichen Lebens im Geiste hat, den wird auch Sieburgs neues Buch entzücken. Es reih:, an den roten Faden der Frage nach den gültigen Chiffren des Daseins, Stücke verschiedensten Inhalts: Monologe, historische Miniaturen, satirische Glossen, Reminiszenzen – Satz für Satz in jener prickelnden Feinnervigkeit, die ebensowohl unnachahmlich wie als Hohe Schule des Schreibens unübertrefflich ist. cel.