Von Paul Bourdin

Der Vogel denkt, weil das so ist, und weil mich doch der Kater frißt, so will ich keine Zeit verlieren, will noch ein wenig quinquillieren und lustig pfeifen, wie zuvor. Der Vogel, scheint mir, hat Humor.

Wilhelm Busch

Die heraldischen Tiere sind aus der Mode gekommen. Sie entsprechen nicht mehr den Vorstellungen, die sich die Völker von sich und voneinander machen. Der deutsche Aar ist arg zerrupft, der Österreich-ungarische Doppeladler hat nur noch einen Kopf, der britische Löwe kann nicht mehr brüllen und ist an Amerika verpfändet worden, an die Metro-Goldwyn-Mayer. Dieses modernste Land hat sich zwar ein Wappentier zugelegt, aber es macht keinen Gebrauch von ihm. Nur seine Parteien verfügen über animalische Symbole, die populär sind, doch läßt sich weder mit dem demokratischen Esel noch mit dem republikanischen Elefanten im internationalen Porzellanladen etwas Gescheites anfangen. Der gallische Hahn kräht zwar noch recht vernehmlich, aber auch er hat seine Sporen eingebüßt. Nur der russische Bär wird immer fetter, doch scheint er ebenfalls an Selbstsicherheit zu verlieren. Darum läßt er sich gern von dem großen Illusionisten Picasso in eine harmlose Taube verwandeln. Es wird Zeit, daß sich die Völker nach neuen Symbolen umsehen. Nun, ein Anfang ist gemacht worden. Wir meinen damit weniger die sowjetische Taube, die uns noch unpassend erscheint, als vielmehr die Katze, die in diesen Tagen so unvermutet auf der internationalen Bühne auftauchte. Der britische Außenminister näherte sich der Schlußfolgerung seiner bemerkenswerten Rede in der Pariser Vollversammlung der Vereinten Nationen, als, von rechts kommend, ein Kater in makellosem Schwarz mit behutsamen, gemessenen Schritten über die Estrade ging, einen ernsten, festen Blick auf das Publikum im Palais Chaillot warf und voll Würde nach links verschwand. Eden, ebenso maßvoll und ebenfalls in korrektem schwarzem Anzug, fuhr unbeirrt, zur sowjetischen Delegation gewandt, fort: „Ich glaube nicht – noch verlange ich von Ihnen, zu glauben –, daß in jedem Streit eine Partei hundert Prozent ein schwarzer Bösewicht und die andere hundert Prozent ein Schneewittchen ist. Das widerspricht dem Gesetz des Mittelmaßes. Alle Menschen sind fehlbar, und der Friede kann nur auf gegenseitiger Duldung und beiderseitiger Selbstbeschränkung beruhen. Täten wir daher nicht besser daran, einen Waffenstillstand der Beschimpfungen und zornigen Worte zu verkünden?“

Freudiger Beifall stieg aus den Reihen auf, in denen die Delegationen der kleinen und mittleren Staaten saßen. Sie hatten das Rededuell zwischen Acheson und Wyschinski mit wachsender Sorge verfolgt und den Eindruck gewonnen, als gerieten die waffenstarrenden Riesen immer näher aneinander. Die Spannung war gelöst, Lächeln legte sich auf die gefurchten Gesichter. Es wurden sogar Scherze gemacht. Die Optimisten sahen in der schwarzen Katze, die von rechts kam, ein gutes Omen, die Skeptiker freilich behaupteten, die Richtung hinge vom Standpunkt des Betrachters ab. Die einen glaubten, der Kater habe die tote Maus gesucht, als die Wyschinski den Abrüstungsvorschlag Achesons bezeichnet hatte. Die anderen vermuteten ihn auf der Jagd nach den kapitalistischen Reptilien und imperialistischen Ratten, die die sowjetische Propaganda so reichlich über den Westen ausspuckt. Die Klügsten erblickten in dem Vorgang eine Illustration für das Verhalten der Großmächte, die mit ihren vagen Abrüstungsplänen wie die Katze um den heißen Brei der konkreten Friedensprobleme herumschleichen. Nun, dann wäre die Katze kein passendes. Wappentier für Eden. Denn er nannte diese Probleme beim Namen: Wiedervereinigung Koreas und Wiedervereinigung Deutschlands. Uns aber scheint trotzdem die Katze das dem britischen Außenminister zugeordnete Tier zu sein. Elegant, beherrscht, geschmeidig wie dieses edle Wesen war seine Rede, und doch würdig, bestimmt und mutig. Sie bezeichnete die Rückkehr der Diplomatie in die Arena der UNO, in der der Lärm der Propaganda und Polemik die Stimme der Vernunft zu ersticken drohte. Sollten sich die Diplomaten nicht die Katze zu ihrem Wappentier wählen, sie besitzt alle Eigenschaften, deren sie bedürfen: Vorsicht, Langmut, Lautlosigkeit, Geschick, Zähigkeit und Grausamkeit?

Mit guten Manieren allein, wie Eden sie in Eton und Oxford gelernt hat, läßt sich gewiß nicht der Friede: retten, noch weniger aber mit Cowboymethoden. Acheson, dem solche Methoden an sich nicht liegen, hatte diesmal geglaubt, nicht hinter Trumans Rundfunkrede zurückbleiben zu dürfen und wollte Wyschinski den Donner der Friedenspropaganda stehlen. Nun, er hat ihm anscheinend nur eine Nachtruhe geraubt, da der sowjetische Außenminister behauptete, vor Lachen über den Abrüstungsvorschlag hätte er nicht einschlafen können. Nach Edens Rede ist ihm aber das Lachen vergangen. Nervös, fast ängstlich bestand er beim Präsidenten der Vollversammlung darauf, noch einmal sprechen zu dürfen, ein ganz ungewöhnlicher Antrag, für den die Hausordnung daher auch keine Möglichkeit der Ablehnung vorsieht. Er war durch Edens höfliche Verbindlichkeit in die Enge getrieben und isoliert. Nun befleißigte er sich eines maßvolleren Tones, erklärte sich bereit, sein anstößiges Lachen vom letztenmal zu erklären, und machte vier zusätzliche Vorschläge.

Den Worten soll hier nicht mehr Wert beigemessen werden als den Taten. Aber auch sie haben ihre Bedeutung. Die westliche Diplomatie soll doch nicht den Irrtum begehen, zu glauben, sie müsse den gleichen Ton anschlagen wie die östliche Propaganda. Damit macht sie jedes Gespräch unmöglich und entwertet. die UNO. Die Kaskaden von Schimpfreden sind längst langweilig geworden, und niemand nimmt mehr diese Monologe von Schwerhörigen zur Kenntnis, die nie auf ihre Gesprächspartner eingehen. Das ist nicht nur das Ende der Diplomatie, sondern auch der Propaganda, denn, wie gesagt, niemand hört mehr hin. Damit kann man nicht einmal mehr seinen Gegner vor der Weltöffentlichkeit ins Unrecht setzen, worauf das Streben der Staatsmännern allein noch auszugehen scheint, denn die Weltöffentlichkeit hat nur noch Angst und hält sich die Ohren zu.