Eigentlich ist nur noch eines am AKU-Fall interessant, nämlich zu erfahren, welchen Nutzen sich die Königlich Niederländische Regierung versprochen hat, als sie die widerrechtliche Verbringung der (deutschen Privatpersonen gehörenden) AKU-Aktien nach Holland befahl und deren Verkauf an holländische Privatpersonen mittels eines Bankenkonsortiums unter Führung der Nederlandsche Handelsmaatschapij N. V. einleitete. Über das Echo, das der holländische Staat aus Deutschland auf diesen Rechtsbruch erhalten mußte, hätte sich eigentlich weder in Amsterdam noch in den Haag jemand im unklaren sein dürfen. Auf gut deutsch besagt das Echo nichts anderes als: Stop den holländischen Methoden, Einschaltung der höchsten deutschen Souveränitätsvertreter, die, notfalls mit grobem Geschütz, jene Mißachtung von Recht und Gesetz zu beantworten und zu parieren haben.

Mit Befremden ist dabei zu vermerken, daß, die Erklärung der holländischen Regierung vom 11. November 1951 (wonach sie ein deutsches AKU-Aktienpaket von 40 Mill. Gulden u. a. den holländischen AKU-Aktionären 1 : 3 zum Kurse von 132 1/2 v. H. anbietet) „in Übereinstimmung mit der Verwaltung der AKU“, der Algemene Kunstzijde Unie N. V., Arnhem, herausgegeben wurde. Vier Holländer der AKU sitzen im Aufsichtsrat des deutschen Unternehmens, der Vereinigte Glanzstoff-Fabriken AG., Wuppertal-Elberfeld, und ein weiterer im Vorstand. In diesem Gremium wurde bis zuletzt (!) die Absicht einer freundschaftlichen und einwandfreien Lösung der umstrittenen AKU-Glanzstoff-Lage vorgetäuscht und dank dieses Falschspieles eine fast bis zur Unerträglichkeit gehende Loyalität der deutschen Verwaltungsmitglieder erhandelt.

Dieses unehrliche Spiel der Holländer in Wuppertal dürfte bei der am 18. Dezember stattfindenden Hauptversammlung der Glanzstoff im Mittelpunkt aller Auseinandersetzungen stehen.

Bei der holländischen AKU liegen 99 v. H. des 90 Mill. DM betragenden Stammaktienkapitals der Glanzstoff AG. Im Jahre 1929 war nämlich von beiden Gesellschaften ein privatrechtlicher Vertrag geschlossen worden, demzufolge die deutschen Aktionäre von Glanzstoff ihre Aktien in holländische, AKU-Stücke umwandeln konnten, was damals 99 v. H. getan hatten. Es war ein Interessengemeinschaftsvertrag, der von Holland gleich nach dem Krieg einseitig gebrochei worden war. Der holländische Staat hatte die deutschen AKU-Aktien, praktisch also das AK von Glanzstoff, zu Feindvermögen erklärt und konfisziert. AKU selbst weigerte sich aber, nun seinerseits auch die deutschen Glanzstoff-Aktien wieder herauszugeben, obwohl es dazu laut Vertrag, an dessen Verwirklichung sich 1929 niederländische wie deutsche Regierungsstellen beteiligt hatten, verpflichtet war. Der Staat Holland wollte sich durch einen Federstreich in den Besitz der wertvollen Glanzstoffanlagen setzen und die holländische AKU machte dieses unfaire Spiel mit, ohne zugleich das Konzern- und IG-Veihältnis aufzugeben und ohne die deutschen Aktionäre durch ein Äquivalent zu entschädigen.

Wie wir aus Kreisen der deutschen AKU-Aktionäre hören, werdet Vorbereitungen getroffen, die deutsche Regierung aufzufordern, sich durch Staatseingriff gegen den Industriediebstahl zu wehren, durch Dekret die in Holland liegenden ehem. deutschen Glanzstoff-Aktien für ungültig zu erklären, die 1929 geschlossenen Verträge wegen unsittlicher Handhabung durch den holländischen Vertragspartner rückgängig zu machen und das Eigentum an den deutschen Glanzstoffbetrieben wieder in deutsche Hände zu legen. Der Bundeswirtschaftsminister hat bereits vor einiger Zeit erklärt, daß er sich aktiv und energisch einschalten werde und daß „notfalls die AKU-Angelegenheit auch durch. eine Maßnahme der deutschen Regierung zu klären ist“.

In den letzten Tagen hat sich diese Auffassung verstärkt. Es darf vielleicht daraus geschlossen werden, daß staatlicher Einspruch gegen eine eventuelle Stimmausübung Holländer bei der bevorstehenden Glanzstoff-Hauptversammlung erhoben wird, weil eine solche Vertragsbrüchige Ausübung als rechts- und sittenwidrig gilt und einer richterlichen Entscheidung bedarf. Da mit der Aktienverbringung nach Holland zugleich deutsche Devisenbestimmungen durch die königliche Regierung in den Haag verletzt worden sind, ist auch mit einem Eingreifen des Finanzministers zu rechnen. –

Auf alle Fälle haben die Holländer eines erreicht: Sie haben den Fall AKU aus der privatrechtlichen Ebene herausgerissen und ihn zu einer zwischenstaatlichen politischen Frage erster Ordnung gemacht. Sie haben die Bundesregierung herausgefordert, die im Grundgesetz die Verpflichtung übernommen hat, zu verhindern, daß eine fremde Regierung mitten in Deutschland Enteignungen zugunsten eines ausländischen Konzerns vornehmen kann.

Die holländischen Überlegungen sind uns um so unverständlicher, als eine Sperrung des deutsch-holländischen Güterverkehrs, ja allein schon eine „Schutzmaßnahme“ gegen die holländische Schiffahrt auf dem Rhein in dem vom Kolonialverlust hart angeschlagenem Lande verheerend wirken müßte. Im deutschen Bundestag werden zur Zeit Interpellationen bearbeitet, die die Aussetzung aller Wirtschaftsverträge mit Holland fordern, bis die Regierung in den Haag bereit sei, sich dem Völkerrecht zu unterwerfen und Recht, Gesetz und deutsche Souveränität anzuerkennen. Reichelt