Jede Diskussion in Deutschland über die Gründung von Auslandsniederlassungen hat den Nachteil, daß wenig bekannt ist, wie das Ausland auf deutsche Wünsche reagiert, Niederlassungen im Ausland zu gründen. Theoretisch kommen rund achtzig Länder oder selbständige Verwaltungsgebiete für deutsche Niederlassungen in Frage. Aber nur in zwanzig Hauptstädten sind wir offiziell vertreten. Kategorische Forderungen in dem Stil: das Ausland muß deutsche Niederlassungen zulassen, entsprechen nicht den verwickelten diplomatischen und wirtschaftlichen Beziehungen. Denn noch sind wir nicht souverän. Und noch müssen selbst Länder, die uns gern die Niederlassung einräumen würden, vorsichtig sein, um nicht andere Partner vor den Kopf zu stoßen. Räumt z. B. ein Land, das mit Bonn und Pankow Handel treibt, Bonn Niederlassungen ein, muß es dann Pankow auch Niederlassungen geben? Dieses Land habe ferner Ambitionen zum Atlantikpakt. Es muß sich also mit Mitgliedern dieses Bereiches „gut“ stellen. Andererseits will es Deutschland – auch über Niederlassungen – die erste Rolle in seinem Außenhandel einräumen. erste soll es verärgern? Ist es für dieses Land nicht richtiger, offiziell eine Niederlassung nicht beim Namen zu nennen, sondern unter anderem Titel einfach und praktisch Deutsche zuzulassen, ohne daß der rechtliche Status „bis zu Ende“ geklärt ist?

Beleuchten wir einen anderen Fall: Die befreundete englische Firma eines deutschen Außenhandelshauses will in einem Kolonialgebiet deutsche junge Leute ausbilden. Der Rechtsberater dieses Gebietes will den Aufenthalt genehmigen, der Wirtschaftsberater nicht. Rechtliche Möglichkeiten, ihn zu beeinflussen, bestehen nicht. Auch irgendwelche wirtschaftspolitische Druckmittel fehlen. Soll man sich da deutscherseits „auf die Hinterbeine“ stellen und Prinzipien herauskehren? Es wird meist besser sein, offiziell zu schweigen und interne Wege vorzuziehen.

Welche Voraussetzungen bestehen aber innerhalb Deutschlands, mögliche Niederlassungen, gleichgültig unter welcher Gesellschaftskonstruktion im Ausland, vorzubereiten? Grundlage aller Bemühungen ist die Erlaubnis der Hohen Kommission vom Juli 1951, daß Deutsche Niederlassungen im Ausland gründen können, wenn damit das Devisenaufkommen verbessert werden kann. Diese Genehmigung ist verwunderlich; denn die Exporteure wußten gar nicht, daß zur Gründung von Niederlassungen eine besondere alliierte Genehmigung notwendig war. Sie schauten nur nach Übersee und prüften die Haltung der dortigen Regierungen. – Lohnt es sich jetzt, Niederlassungen zu gründen? Es lohnt sich, denn Niederlassungen gründet man auf Sicht und nicht aus augenblicklichen Erwägungen. Die Tendenz besagt, daß die Rohstoffregionen im allgemeinen unterentwickelt sind, die Rohstoffproduktion immer teurer wird und nur wenig anpassungsfähig ist. Gleichzeitig sind mit Beginn des zweiten Weltkrieges die Rohstoffländer von ihren Verbrauchsgüter herstellenden Kunden im Stich gelassen worden, so daß sie beginnen mußten, selbst zu industrialisieren. Diese Strukturwandlung ist noch lange nicht abgeschlossen. Es lohnt, sich hier einzuschalten. Wer aber Investitionsgüter nach draußen liefern will, wird sich auf die Dauer als Verkäufer nur durchzusetzen vermögen, wenn er eigene Absatzorganisationen dort hat, wo die Investitionsgüter mit den dazugehörigen Service gebraucht werden.

Auch der deutsche Konsumgüterexport bedarf besseren Kontakts. Wer in den Kolonialgebieten oder auch in hochentwickelten Industrieländern ab Lager anzubieten vermag oder in persönlichem Gespräch die Wünsche der Kunden persönlichem kann, wird steigenden Umsatz verzeichnen. Mögen die deutschen Exportziffern draußen als ein Wunder bezeichnet werden – bisher wurde deutscherseits mehr punktuell als weitstreuend angeboten. Und der deutsche Exportindex beläuft sich im Gegensatz zu Großbritannien, wo er 250 beträgt, oder Frankreich (500) oder Schweden (400) erst auf 70 für 1951, nimmt man 1938 = 100.

Aber Niederlassungen dienen ja nicht nur dem Export. Mit dem draußen verdienten Geld kann man gleichzeitig draußen aus erster Hand einkaufen, was billiger ist. Hinzu kommt noch, daß das Vertreternetz von einem eigenen Stützpunkt besser überwacht und organisiert werden kann. Hier ist manches nicht in Ordnung. Msn frage nur Exporteure. Der eine wird vertreten Ton dem Emigranten von 1933, der zwangsläufig anders denkt als der Emigrant von 1945. Der andere wird von dem inzwischen naturalisierten Auslandsdeutschen vertreten, der, um sich über den Krieg halten zu können, die Agentur nichtdeutscher Firmen zuerst nebenbei, dann vorliegend übernommen hat. Jeder versucht, den Kunden anders zu gewinnen. Es gibt verschiedene Preise für die gleiche Ware und es gibt Verluste, die bei besserer Kontrolle hätten vermieden werden können. Die Erfahrungen sind nicht durchweg schlecht. Die Ausnahmen sprechen sich aber herum und werden von der Konkurrenz oft als Regel hingestellt.

Umgekehrt: erwarten wir von deutschen Niederlassungen nicht zuviel? Nach Lage der Dinge können sie nicht ins Uferlose kreditieren, während viele in der Industrialisierung begriffenen Länder glauben, man könne von den Deutschen Kapitalbeteiligungen oder Zehnjahreskredite erwarten. Politisch bleibt natürlich der Vorteil, daß in den letzten Jahren selbständig gewordene frühere Kolonialgebiete gern eine Streuung des weißen Einflusses – den sie noch nicht entbehren können – herbeiführen wollen und folglich den kolonial „unbelasteten“ Deutschen nicht ungern sehen.

Wenn also Niederlassungen, wer soll sie gründen? Da es auf Grund unserer Devisenpolitik nicht ohne den Staat geht und von vornherein das Odium der Kapitalflucht ausgeschaltet sein muß, machen sich die Behörden hierüber ihre Gedanken. Sie wollen jede Niederlassung im einzelnen genehmigen, und zwar Fabrikationsbetriebe und Vertriebsstätten in Form von Gesellschaften oder Firmen des Handelsrechts, mit oder ohne Rechtspersönlichkeit, sowie Vertreterbüros. Ebenso behalten sie sich die Genehmigung vor bei Beteiligungen, also wenn ein Deutscher draußen Anteile an einem Unternehmen erwerben will. Diese Form wird wohl die übliche werden, denn in vielen Ländern ist vorgeschrieben, wieviel heimisches Kapital an einer Gründung beteiligt sein muß.