Von Christian E. Lewalter

Hegels Leipziger Kollege Traugott Krug pflegte im Kolleg zu sagen: „Der Professor in Berlin, der jeden Winkel im Weltgebäude als logisch notwendig erweist, möge mir doch einmal meine Schreibfeder aus allgemeinen Begriffen ableiten.“ Der Verfasser der „Logik“, von dieser Herausforderung in Kenntnis gesetzt, antwortete mit lakonischem Spott: „Ich werde Herrn Professor Krug nicht den Gefallen tun, seine Schreibfeder zu deduzieren.“

Hegel konnte sich diesen Hohn leisten. Er war gewißlich ein größerer Denker als Krug und gegen dessen triviale Einwände gesichert. Aber er sah auch mit dem Stolz des philosophischen Grandseigneurs über das Unbehagen hinweg, das aus dem braven Krug sprach: das Unbehagen angesichts des lückenlosen Gedankensystems, aus dem das Einzelding, das hier und jetzt vor mir liegt – diese meine Schreibfeder – als belanglos ausgeschlossen ist.

Hegels Sieg über den Leipziger war vollständig. Aber schon vor der Mitte des Jahrhunderts erstand dem geschlagenen Krug ein Rächer. Der trumpfte gegen Hegel nicht mit seiner Schreibfeder auf, sondern mit seiner, Sören Kierkegaards, ganzer Person. Das System, sagte er, schalte den Denker selbst aus, den lebendigen, um die Wahrheit zitternden Denker, diesen hier, der da denkt – Hegel selbst oder mich oder jeden anderen Existierenden.

Mit diesem Protest gegen das System namens der Existierenden begann, mitten im Christentum, der „Existentialismus“.

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„Wenn ich eine Aufschrift für mein Grab verlangen sollte, ich verlange keine andere als: Jener Einzelne’.“ Denn „es gibt nur einen, allerdings samenartigen Punkt außerhalb des Systems: den Einzelnen, sofern man den Ton des Ethischen und Religiösen, des Existentiellen auf ihn legt.“