Plötzlich sank sie an der Tür nieder... Ihre Hände umklammerten ihre Fußknöchel, sie stützte den Kopf auf die hochgezogenen Knie und blieb reglos und stumm unter dem Trauerschleier ihrer Haare sitzen.“ Aissa ist es, das stolze Mädchen aus der Südsee, das Carol Reed als letztes Bild in seinem Film „Der Verdammte der Insel“ so niedersitzen läßt und Joseph Conrad selbst hat ihm die genaue „Regieanweisung“ gegeben, am Ende des vierten Kapitels in seinem Ronan. Es ist danach kaum zu begreifen, daß Conrad kaum je zuvor verfilmt worden ist, denn auch die entzauberten Bilder von den Inseln der Südsee und ihren Bewohnern, die der berühmte Erzähler so kühl und unbestechlich ausbreitet, hat Reed fern allem üblichen exotischen Zauber und doch mit aller südlichen Schönheit festgehalten, und es ist ihm dabei bewundernswert gelungen, das epische Werk in eine dramatische Bildsprache zu übersetzen. Wenn es aber um die Charaktere geht, um Willems, diesen verkommenen und getriebenen Menschen, „der feierlich das ganze Weltall in seiner Brust trug“, um Lingard, den Kapitän der Brigg „Flash“ oder um Almayer, den Lagerverwalter im Eingeborenendorf am Fluß, dann ist die Sprache Conrads so differenziert und phantasieerregend, daß die besten Schauspieler nur Teile der Phantasievorstellung ausfüllen können. Der Darsteller Trevor Howard gibt viel von diesem verkommenen Conradschen Willems, aber lange nicht alles, Robert Morley viel von Almayer, Ralph Richardson einiges von Kapitän Lingard, doch bei weitem nicht alles. Aissa allein, dargestellt von dem schönen arabischen Mädchen Kerima, das Carol Reed lange Zeit über Erdteile suchte, ist, ohne ein Wort zu sprechen, im Film genau die Figur aus Conrads Buch: ein verdammter Mischling, halb Araberin, halb Malaiin, mit den Augen einer Wilden. Ein grausames Geschöpf mit dem Körper einer Frau, aber dem Herzen eines Mannes...

Finden wir uns aber endgültig damit ab, daß der Film nur eine schwache Interpretation eines literarischen Werkes sein kann und vergessen wir möglichst, daß wir Conrad gelesen haben, so ist dieser kluge und hart erarbeitete Film noch voller Reize, wenn er auch keinen Vergleich mit dem „Dritten Mann“, dem letzten großen Wurf Reeds aushält. Weder hat er den Rhythmus des erregenden Harry-Lime-Motivs – wenn er es auch in einem anderen Kunstmittel zu ersetzen versucht und einen rührend lächelnden Flußgott im kleinen Kanu durch den ganzen Film fahren läßt –, noch ein zeitnahes Thema wie das des „Dritten Mannes“, der wie kein anderer Film die Atmosphäre der großen Verlorenheit der Nachkriegsjahre festhielt und das trübe Wechselspiel der Anrüchigen unter den Siegern und Besiegten. Vielmehr: das Thema Joseph Conrads von den Farbigen und den Weißen, das uns heute auf den Nägeln brennt, hätte Reed aus der historischen Verbrämung befreien müssen, um uns zu überwältigen. Conrad hat schonungslos die Bosheit der Primitiven und der Zivilisierten schillern lassen. Reed aber, dessen Anliegen es ist, die Wahrheit nüchtern und roh zu sagen und Verantwortung zu wecken, log ein bißchen in seinem letzten Film und bog den Kapitän Lingard um in eine rechtschaffene, bärtige Figur. Ganz offensichtlich verkörpert dieser Weiße in seinem aufrechten Edelmut, einen ziemlich verlogenen Typ, sonst stünde es heute besser um den Europäer in der Welt...

Reed war selbst nach Deutschland gekommen, um in verschiedenen Städten, so auch in Hamburg, die Wirkung seines Films abzutasten. Ob er zufrieden war? Erika Müller