Feder Stepun: „Die Liebe des Nikolai Pereslegin“. Roman (Carl Hanser Verlag, München; 368 S., Leinen 13,– DM.)

Darin, daß die Liebe nicht idealistisch, sondern durch und durch konkret und mystisch ist, liegen alle ihre Entzückungen und Gnaden.“ Die Liebe, wahrhaftig und unabänderlich, ist der Kulminationspunkt im Leben des russischen Wissenschaftlers Nikolai Pereslegin. Mit grandioser psychologischer Meisterschaft breitet Fedor Stepun ihre Stationen in Nikolais Briefen an Natascha, die geliebteste der drei Frauen, die Nikolai begegnen, als Selbstbekenntnisse eines Suchenden vor dem Leser aus. Die letzte Erfüllung indessen, die Vollendung, fast schon Wirklichkeit geworden, muß versagt bleiben: Natascha, die einstige Frau des Freundes, von dem sie sich in der Erkenntnis ihrer „Pflicht zur Sünde“, in der Erkenntnis der Wahrhaftigkeit ihres Gefühls zu Nikolai, trennte, verläßt den über alles geliebten Mann, weil er nur mit einem Teil seines Wesens, mag es auch ein Vielfaches des verbleibenden unbekannten Restes sein, ihr gehört und weil seine Bindungen an die tote Tanja, deren Dunkelheit und geheimnisvoller Kontakt zu dem nicht mehr irdischen Sein ihn faszinierte, und an deren Freundin Marina, die „schon im Diesseits dem Jenseits verhaftet ist“, ihre Gemeinsamkeit mit düsteren Schatten umgibt. So muß der Liebende schließlich den Selbstbetrug erkennen und wird, wie einst der Freund, ein Opfer der tragischen Wahrheit des Lebens.

Fedor Stepun hat den Mut und den Takt, die kompliziertesten seelischen Regungen bloßzulegen, und Empfindsamkeit und Offenheit sind die hervorragenden Qualitäten dieses gedanklich schwerwiegenden Briefromans, dessen Helden dem Bild vom russischen Menschen gleichen, wie wir es aus der Zeit der letzten Zaren in uns tragen und dessen Landschaft, Rußland, liebevoll ersteht. I. H.