Neu Delhi, im November

Die Beziehungen zwischen Indien und China haben vielfältige Wandlungen durchgemacht. Allmählich aber hat sich ein festes Verhältnis herausgebildet. Die indische Regierung hat sich mit gewissen Tatsachen abgefunden. Sie glaubt zunächst einmal, daß der Kommunismus in China zum Stillstand gekommen sei und formuliert nun entsprechend dieser Annahme ihre Politik. Die indischen Politiker sind der Meinung, daß es sich in China um eine nationale Revolution handelt, die tief im Volk verwurzelt ist und die zum erstenmal in der Geschichte dieser leidgewohnten Nation Einheit und Sicherheit an die Stelle eines ständigen Chaos gesetzt hat. Sie. ist ferner überzeugt, daß die Beziehungen zwischen dem neuen China und der Sowjetunion lediglich die zweier aufeinander angewiesener Nachbarländer mit gemeinsamen Interessen sind, und es darum falsch wäre, anzunehmen, daß China sich im sogenannten Sowjetlager befindet. Nehru steht auf dem Standpunkt, daß die Politik freundlicher Geduld China gegenüber sich am ehesten bezahlt machen wird.

Eines war von vornherein klar, daß China nämlich nie auf seine nationalen Aspirationen verzichten würde. Immer haben die Chinesen gesagt, daß sie Tibet, Indochina und Formosa, die während Jahrhunderten Teile des chinesischen Reiches gewesen sind, beanspruchen. Pannikar, der indische Botschafter in Peking, sagte, daß die chinesische Außenpolitik in dieser Hinsicht unter der Mandschu-Dynastie, der Kuomintang und der kommunistischen Diktatur immer die gleiche war und sein wird. So wurde denn Tibet „gleichgeschaltet“, ob Indien dies gefiel oder nicht, und der indochinesische Anschluß durch die freiwillige Einreihung Ho Chi Minhs mindestens theoretisch vollzogen.

In der Tathaben die Chinesen diesen schwachen asiatischen Ländern gezeigt, daß sie als die stärkste Macht eine entscheidende Rolle in Asien spielen. Und die nicht-kommunistischen Länder konnten für ihre freundschaftliche Neutralität nicht mehr erwarten als die Garantie ihres Territoriums und die Zusage der Nicht-Einmischung in ihre heimischen Angelegenheiten. Genau dieses Arrangement aber ist von Indien, Burma und Indonesien akzeptiert worden. Für sie alle war wahrscheinlich der Wunsch entscheidend, sich aus den Spannungen der großen gegnerischen Blöcke herauszuhalten und unter allen Umständen den Frieden zu erhalten.

Immerhin aber ist es Nehru gelungen, den chinesischen Vormarsch in Südostasien aufzuhalten und Burma und Indonesien auf seine Seite zu ziehen. Daß der gleiche Versuch in Malaya und Indochina mißlang, lag daran, daß England und Frankreich ihre Zustimmung zu der indischen Politik nicht geben wollten. Diesen Ländern gegenüber spielt China auf Zeit. China weiß, daß sie schwach sind und die Bevölkerung untüchtig und unerfahren, arm und ohne Verbündete. Es ist klar, daß sie ohne Hilfe von außen auf die Dauer nicht bestehen können. Die Chinesen sind ferner überzeugt, daß ein amerikanischer Marshall-Plan für Asien nicht zustande kommen wird, weil die Bedingungen der USA und die Psychologie der Asiaten nicht auf einen Nenner gebracht werden können. So vertrauen sie denn auf ihre eigene Chance. Sie wollen eines Tages den asiatischen Massen ihren Fortschritt bringen und ihre billigen Produkte. Es handelt sich – so glauben sie – nur darum, noch ein wenig zu warten, dann Verden diese Völker den Kommunismus als ein Allheilmittel für all ihre Sorgen mit offenen Armen empfangen.

Als Parallele hierzu erscheinen die ersten Jahrzehnte dieses Jahrhunderts, in denen Japan als Weltmacht sich entfaltete. Damals schaute ganz Asien gebannt und voller Erwartungen auf Japan. Japan aber hat selbstsüchtig und kurzsichtig dieses Vertrauen mißbraucht. Dennoch haben noch während des letzten Krieges, als die kolonialen Regime zusammenbrachen, die nationalen Revolutionäre in diesen Ländern die japanische Führung akzeptiert, ungeachtet der Gefahr eines japanischen Imperialismus. Die chinesischen Kommunisten sind überzeugt, daß, wenn ein Krieg kommt, sie diesmal die Rolle der Befreier übernehmen werden. Sie glauben, daß alle Völker, die für die Untüchtigkeit ihrer schwachen Regierungen Verachtung empfinden, sich dann ganz der Vorherrschaft Chinas hingeben werden, ob man diese nun kommunistisch oder imperialistisch nennen mag.

Indien hat von China nichts zu gewinnen, aber immerhin einiges zu fürchten. Die indischen Politiker wissen genau, wie weit sie den Chinesen entgegenkommen können. Sie würden nicht so weit gehen, das Ziel der Chinesen zu akzeptieren, nämlich erst einen asiatischen Block unter ihrer Führung zu schaffen, und dann ganz Asien dem Kommunismus zu unterwerfen. Denn die Grundlage der Politik Nehrus ist Freundschaf: nicht nur mit China, sondern auch mit dem Westen, vor allem mit den Vereinigten Staaten. Er weiß genau, daß nur die Vereinigten Staaten imstande sind, Asien. und die Unabhängigkeit seiner Nationen durch finanzielle und technische Hilfe zu retten – sofern, und das wird die politische Aufgabe Amerikas sein, es die Regierungen dieser Länder nicht zu Marionettenregierungen degradiert. Wie schwierig es für die nicht-kommunistischen asiatischen Staaten ist, zwischen dem Ost- und dem Westblock weiterzuexistieren, hat der japanische Friedensvertrag gezeigt. Daß die Vereinigten Staaten dies einsehen, ist eine der wichtigsten Voraussetzungen.

Die Beziehungen zwischen Indien und China haben heute den Punkt erreicht, an dem China praktisch all seine nationalen Ambitionen erfüllt hat. Peking hat, vielleicht allerdings nur vorübergehend, seine Ansprüche auf Burma um der indischen Freundschaft willen aufgegeben. Der Rest aber der asiatischen Länder, wie Siam, die Philippinen und Indonesien, sind sich selbst überlassen, und dieser Weg wird sie zwangsläufig ins amerikanische Lager führen. Beide, Indien und China, wissen, daß es heute eine dritte Macht in Südostasien gibt, mit der sie sich abfinden müssen. Tatsächlich haben die USA in den letzten vier Jahren das Vakuum ausgefüllt, das durch den Rückzug der Engländer aus Indien entstanden war. Ein neues Gleichgewicht der Kräfte hat sich bereits herausgebildet, welches keine der drei Mächte ungestraft gefährden könnte. B. J. Modi