Albrecht Schaeffer: „Rudolf Erzerum oder Des Lebens Einfachheit“. Roman. (Frankfurter Verlagsanstalt; 446 S., Leinen 14,50 DM.)

Fast ein Jahr nach des Dichters Tod und acht Jahre nach seinem ersten Erscheinen im Ausland kommt dieser letzte Roman Albrecht Schaeffers zu uns. Er spielt im Jahre 1807/08. Trotzdem ist es kein historischer Roman, auch wenn sich dem Wiener Patriziersohn Rudolf Erzerum zeitweise Heinrich v. Kleist als Reisegefährte zugesellt. Es kommt dem Dichter dabei nur auf die „Kleistschen Zufälle“ an, jene Art von spezifischen Schicksals-Kurzerzählungen, wie sie Kleist in seinen „Anekdoten“ als damals neuen literarischen Typus einführte und wie diese jetzt von Schaeffer im Kleistschen Stile neu erfunden wurden. Der Dichter des „Helianth“ als des vierten der großen Erziehungsromane, deren Reihe mit „Wilhelm Meister“ beginnt und über „Nachsommer“ und „Grünen Heinrich“ bis zu Schaeffer reicht, gibt auch in seinem „Rudolf Erzerum“ noch einmal das Bild der Entwicklung zur Persönlichkeit.

Heute, wo der Roman andere Wege geht und der Vollzug von Tatsachen selber zum Darstellungsobjekt geworden ist, wirkt Schaeffers Roman wie eine letzte Mahnung, den lebendigen Menschen als das Geschöpf Gottes nicht zu vergessen: der Dichter will im Gleichnis des Romans sagen, daß es zu jeder Zeit nur auf eines wirklich ankommt, nämlich auf die Bildung des Herzens. Sie ist die permanente „Forderung des Tages“, und ihre Erfüllung schließt auch in trüben Zeiten und unter schwierigen Umständen die Rettung der „humanitas“ und damit den Glauben an einen Sinn des Lebens und die Kraft zum Bestehen des Zukünftigen ein.

Wie sehr Albrecht Schaeffer, der am 5. Dezember vorigen Jahres kurz nach seiner Rückkehr in München starb, auch in den Jahren freiwilliger Emigration in der Ferne empfindungsmäßig Deutscher blieb, wird durch diesen Roman aufs schönste bewiesen. Christian Otto Frenzel