Von unserem zu den Verhandlungen entsandten Korrespondenten Robert Strobel

Paris, im November

Als es begann, war die Stimmung in Paris so unfreundlich wie der Himmel über der Stadt. Die deutsche Delegation hatte im „Bristol“ Quartier genommen. Vor dem Hotel, im Faubourg St. Honoré, hingen die regennassen Fahnen Frankreichs, Englands, Amerikas und eines südamerikanischen Staates im Winde. Die deutsche Flagge fehlte. Hoteliers haben eine gute Nase für Atmosphäre. Die Anwesenheit Dr. Adenauers wurde den eiligen Passanten in Ermangelung der schwarz-rot-goldenen Farben nur durch ein starkes Polizeiaufgebot von ein paar Dutzend „Flics“ vor Augen geführt. Auch Eden und der österreichische Außenminister Dr. Gruber wohnten im, „Bristol“; mit beiden traf sich der Kanzler.

Bundeskanzler Dr. Adenauer selbst warnte kurz nach seiner Ankunft in der Seine-Stadt die Pressevertreter vor der Erwartung einer politischen Sensation. Mancher, der noch den Bonner Optimismus in den Ohren hatte, mag über dieses Zurückhalten erstaunt gewesen sein. Aber von alliierter, besonders von französischer Seite waren so deutliche Äußerungen lanciert worden, daß die hochgeschraubten Hoffnungen gedämpft wurden. Die Pariser Presse war mehr als reserviert. Sie nahm von dem Eintreffen Dr. Adenauers kaum Notiz. Nur die kommunistische L’Humanité meldete es in Balken-Lettern mit einem gehässigen Hinweis auf die gleichzeitige. Anwesenheit des „Hitlergenerals“ Speidel und allein zu dem Zweck, Propaganda zu machen für eine Protestkundgebung gegen die deutsche Wiederbewaffnung und gegen den Kanzler-Besuch in Paris. Die Kundgebung wurde zwar von der französischen Regierung verboten und durch ein starkes Polizeiaufgebot im Viertel der Champs Elysées auch verhindert, an anderer Stelle aber gab es Zusammenstöße, bei denen 15 Polizisten leicht und vier Polizisten schwerer verletzt wurden. Für die baute volée der Stadt schließlich überstrahlte in diesen Tagen ein Wohltätigkeitsball der britischen Botschaft, dessen Patronat Prinzessin Margaret Rose persönlich übernommen hatte, jedes politische Ereignis. 8000 Francs kostete der Eintritt, und wer es bezahlen konnte, drängte sich, dabei zu sein, und kümmerte sich nicht um den fremden Kanzler, im „Bristol“.

Schon die äußeren politischen Umstände schienen der Konferenz nicht gerade günstig zu sein. Eine drohende französische Regierungskrise, die nur mit knapper Stimmenmehrheit verhindert werden konnte, die alles überschattende UNO-Tagung und dir bevorstehende Atlantik-Konferenz in Rom, zu der die Gesprächspartner Dr. Adenauers schon wenige Stunden nach der deutsch-alliierten Konferenz am Quai d’Orsay abreisen sollten – dies alles war den Vorbereitungen nicht zuträglich. Erst am Mittwoch, nach einem etwa zweistündigen Gespräch des Kanzlers mit Amerikas Außenminister Acheson – das viele für den eigentlichen Zweck der Pariser Reise Dr. Adenauers hielten –, trat auf deutscher Seite ein merklicher Stimmungsumschwung ein, der dann nach der endgültigen Viererkonferenz dem Stimmungs-Hoch von Bad Ems zu gleichen schien. Nun 150 Minuten hatte die Zusammenkunft der vier Außenminister gedauert. Rechnet man davon noch zehn Minuten ab, die robusten Kameramännern geopfert werden mußten, und bedenkt man, daß jede Äußerung in zwei Sprachen übersetzt wurde, dann weiß man, daß auf dieser Konferenz nicht allzuviel ausgehandelt worden sein kann, sondern daß die entscheidenden Besprechungen bereits vorher stattgefunden haben dürften.

Ein großes Versprechen, eingeschränkt durch große Vorbehalte – das ist das Ergebnis der ersten großen internationalen Konferenz seit Kriegsende, auf der der deutsche Kanzler gleichberechtigt mitsprach. Schon in dieser Rückkehr an den internationalen Konferenztisch steckt ein psychologischer Wert, den man nicht unterschätzen sollte; wer dabei ist – und möge er noch so schwach sein –, hat es nun einmal leichter als der Abwesende. Und dennoch kann die Konferenz nur als ein Glied in der langen Verhandlungskette angesehen werden, die sich von den Außenministerkonferenzen in New York und Washington bis zu den Besprechungen mit den Hohen Kommissaren am Rhein hingezogen hat und der noch viele weitere Konferenzen folgen werden. Es wäre eine Fehldeutung, wenn man die Pariser Konferenz als Ende oder Beginn eines Entwicklungsabschnittes bezeichnen wurde. In Paris wurde nur bekräftigt – nicht einmal besiegelt –, was bereits in vorhergehenden Verhandlungen vereinbart worden war.

Ein neuer Generalvertrag soll das Besatzungsstatut ablösen. Das bedeutet die Auflösung der Hohen Kommission, der alliierten Landeskommissariate, den Verzicht der Alliierten auf die Kontrolle unseres Außenhandels, kurz, es soll jede Eingriffsmöglichkeit der Alliierten in innerdeutsche Angelegenheiten aufhören. Allerdings die alliierten Entflechtungsgesetze werden von uns anerkannt werden müssen und weiter bestehenbleiben. Dieser Generalvertrag, der so die künftige staatsrechtliche Stellung der Bundesrepublik und ihre Beziehung zu den Westmächten festlegen soll, spricht von der Eingliedrung Deutschlands in die europäische Gemeinschaft auf der Grundlage der Gleichberechtigung. Aber diese Gleichberechtigung ist ein Fernziel. Zunächst ist sie noch mit schweren Hypotheken belastet.