Düsseldorf, Ende November

Die erste Gelegenheit, einer breiteren als der rheinischen Öffentlichkeit von der Tätigkeit der selbständig gewordenen Gründgens-Bühne zu berichten, bildet ein Anlaß, dessen spezifisches Gewicht im umgekehrten Verhältnis zum Wert der am Düsseldorfer Schauspielhaus geleisteten Theaterarbeit stehen mag. „Die Räuber“, „Wie es euch gefällt“ und „Glasmenagerie“ waren Inszenierungserfolge (die ersten beiden von Gründgens, der letzte von Ulrich Erfurth), die an bekannten Werken ein beispielhaft gefügtes Ensemble präsentierten und von der Interpretation her Akzente setzten, die nicht weniger diskussionswürdig wären als eine literarische Novität. Die jüngste Premiere rangiert dagegen im Düsseldorfer Spielplan nur als Tribut an das Unterhaltungsbedürfnis des Publikums. Aber für die Theater, die nach solchen Stücken förmlich fahnden, ist bei dieser Gelegenheit ein Autor entdeckt worden, der das Amüsement auf der Bühne vorzüglich zu beherrschen scheint. Es ist der in Deutschland noch nicht gespielte Franzose Jean Giltene. Sein „Engel vom Montparnasse“, von dessen deutscher Erstaufführung hier die Rede ist, wurde 1947 geschrieben und im Ausland mehrfach gespielt. (Es liegen noch zwei spätere Lustspiele Giltènes bereit.) „Der Engel vom Montparnasse“ ist so etwas wie eine Offenbachiade der Sprechbühne dramaturgisch so geschickt arrangiert, einfallsreich, skeptisch, spöttelnd und ein. bißchen frivol, dabei pointensicher und amüsant im Dialog, daß die spontane Akklamation des Publikums nach den ersten fünf Minuten begann und – was mehr besagt – bis zum vorletzten Bilde nicht nachließ. Es war ein Treffer, der sich vervielfachen dürfte.

Giltène zieht eine Art Fegefeuer, in dem „Engel“ mit Flügeln verkehren und „Beamte“ das moralische Schuldkonto verstorbener Erdenbürger führen, in einer schmuddeligen französischen Amtsstube als Persiflage der Bürokratie auf. Sie hat das Lokalkolorit französischen Kleinbürgertums, garniert mit der Pikanterie von Situationen, die von den Sittenrichtern lüstern genossen werden. Nur einer von ihnen, obwohl selbst zu den Abgeschiedenen gehörend, ist sterblich verliebt in eine reizende Sterbliche, über die der Todesengel (in Zylinder und Gehrock mit Flügeln) den Unfalltod per Auto verhängt hat. Dieser raffinierte Prüfungsbeamte erschien seiner in verschiedenen Männerhänden unbefriedigten Angebeteten immer als der Mann ihrer Sehnsucht im Traum; Nun, da sie sich droben begegnen, wird Madame der Prozeß gemacht, wird Soll und Haben festgestellt an Hand entscheidender Lebenssituationen, die auf der Hinterbühne als scheinbarer „Film“ dargestellt, nach Bedarf unterbrochen und komisch glossiert werden. In dieser ergiebigen Konstellation kann der Autor alles vorbringen, was ein witziger Franzose über Frauen, Liebe, Männer, Sünde und Bürokraten auszuplaudern weiß. Es zeugt für den Geschmack Giltènes, daß er nie schlüpfrig wird, die Zweideutigkeit aber in der Phantasie der approbierten Tugendbolde entlarvt und die Moral seiner Geschicht’ auf die Spitze treibt, indem er die Delinquentin den Lebenskursus zur Strafe noch einmal, und zwar mit dem Geliebten ihrer Träume, durchlaufen läßt, obwohl als „Schuld“ nur das bestehenbleibt, was allen Frauen Natur ist.

Diese Omelette surprise servierte Ulrich Erfurth in witzig pointierten Bildern Herta Boehms als Leckerbissen dezenter Komik. Die Delikatesse der Darstellung, die nahtlose Verwobenheit einer „stimmenden“ Spielgemeinschaft und die Zielsicherheit eines nur scheinbar beiläufigen Dialogs garantierten einen über den „literarischen“ Anlaß hinausreichenden Erfolg. Er war eine Bekundung des aus der umgebenden Theaterlandschaft weit hervorragenden Düsseldorfer Schauspielniveaus.

Johannes Jacobi