Zu einer Tagung der internationalen Jugendbibliothek München

Internationale Verständigung durch das Kinder- und Jugendbuch“ hieß das Tagungsthema. Etwa hundert geladene Gäste aus Skandinavien und Holland, Belgien, Österreich und der Schweiz kamen zusammen und prüften, ob die Voraussetzungen des Themas stimmten.

Von Optimismus konnte keine Rede sein. Man verhehlte sich nicht, daß nur ein Bruchteil der Kinder und Jugendlichen überhaupt noch Bücher liest. Das „Zeitgefühl“ der Kinder (über das der Verlagsleiter des Zürcher Globi-Verlages, Schiele, von den comic strips ausgehend, ausgezeichnete Worte fand), ein Zeitgefühl, das von Kino und Technik geprägt ist, steht dem Buch entgegen. Des Weiteren „schreiben Schriftsteller keine Kinderbücher und die sie schreiben, sind keine Schriftsteller. Künstler illustrieren sie nicht, und die es tun, sind keine Künstler.“ Es entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie, daß diese Formulierung vom Leiter der Podiumsdiskussion „Schriftsteller und Illustratoren haben das Wort“ stammte und daß dessen Name Erich Kästner war, dessen vorbildliche Kinderbücher vorbildlich von Walter Trier illustriert worden sind.

Nun – die Armut kommt von der Powerteh; das erklärten vor allem die Deutschen, unterstützt von den Holländern. Aber es erhob sich Fritz Brunner, Zürich, Präsident des Schweizer Jugendschriftenwerkes, und berichtete, wie man vor zweiundzwanzig Jahren mit 200 Franken eigenem und 1 800 gepumpten Kapitals den Kampf gegen die Schundliteratur angefangen und mit Hilfe der Schuljugend selbst zu einem so siegreichen Ende geführt habe, daß heute kein Schweizer Kiosk mehr Schundbücher verkaufe. Die Heftchen des Schweizer Jugendschriftenwerks, die 50 Rappen kosten, sind heute in 8 Millionen Exemplaren und den vier Landessprachen verbreitet. Die literarische Reihe mit 1 1/2 Millionen steht an erster Stelle, und mit stillem Kummer erfuhr der Bundesrepublikaner, daß Schweizer Geschichte an zweiter, die Abenteuerliteratur (mit 700 000 Exemplaren) aber erst an dritter Stelle steht.

Freilich, auch wir in Deutschland haben gute billige Jugendliteratur in Heftform. Aber wo sind die Schulen, die Kommissionsbuchhändler, denen sie eine energische Propaganda wert sind? Wo ist die Unterstützung der Bundesbahn, die gleich der SBB den Schund und Schmutz aus ihren Kiosken verbannen könnte?

Ein junger Wiener Lehrer, Professor Bamberger, berichtete von seinem österreichischen Jugendbuch-Klub. 50 Groschen gleich knapp 10 Pfennig kostet der monatliche Mitgliedsbeitrag, dafür bekommen sie das Jahresbuch, das Auszüge aus den Erscheinungen des Buchklubs enthält, die natürlich auch verbilligt sind. Mit amüsanten Theateraufführungen und Verkaufsausstellungen hat man nicht nur die Kinder zum Lesen, sondern vor allem die Eltern dazu gebracht, daß sie regelmäßig Bücher kaufen. Der Klub umfaßt heute rund ein Achtel aller österreichischen Schulkinder – und damit ist an einem Beispiel die Frage beantwortet, wieviel Kinder noch lesen. So gering ist die Minderheit gar nicht; vor allem aber zeigt sich, daß sie steigerungsfähig ist.

mmg.