Endilich sehen wir nun auch in Deutschland das Werk Marino Marinis, dieses italienischen Künstlers, dessen Name heute in der ersten Reihe der internationalen Bildhauerei steht. Die Kestner-Gesellschaft in Hannover konnte am 25. November eine umfassende Ausstellung neuer Arbeiten Marinis eröffnen: 21 zum Teil fast lebensgroße Skulpturen und 30 Zeichnungen.

Es sind Reiter und weibliche Akte. Aber die Angabe dieses Thematischen sagt gar nichts über die dichterische Reichweite, die Marini seinen Figuren gab. Die Reiter, das sind seltsame Sendboten, die Botschaft bringen aus einer archaischen Welt von Leid und Kraft. Marini hat sie gesehen, diese Reiter. Es waren die Bauern, die im Schrechensjahr 1944 aus der Höllenzone der italienischen Schlachtfelder nach Norden ritten mit keiner anderen Hoffnung mehr als der noch im Dasein zu sein. Und diese schweren nackten Frauen, das sind Feldgottheiten, Kultbilder für Pomona, Fruchtbarkeitsgöttinnen, die mit den Augen, des Apolls von Veji fremd zu uns herblicken.

Es ist also eine ergreifende Begegnung mit altem mittelmeerischen Geist des Bildnerischen. Das mittelmeerisch Klassische, das Maillol uns brachte, gerät bei Marini in eine viel fernere, tiefere urtümliche Schicht, aus der aus Ausgeliefertsein ans Mythische, Angst und einer halluzinierten Sinnlichkeit die dunkle Kunst der Etrusker kam. Das ist nichts Herangeholtes, das liegt Marini im Blut, ist Blick und Geste dieses neuen Wundermannes aus etruskischer Erde. Es wächst aus tiefen Wurzeln und liebt die Höhle. Nicht helle Gärten und Alleen sind die Wohnstätten dieses Figurengeschlechtes, eher Nischen, Grabgewölbe, Höhlen. Aus Chthonischem also bricht diese verzweifelte Fülle und Kraft hervor, will ans Licht und redet sich in einem mächtigen Aufatmen dem Leben entgegen. Dies große Sich-Aufrichten begründet nicht allein die archaische, verzückte Geste dieser Reiter, es begründet auch die mächtige Schwellkraft der Form. Dieses „erectus sum“ begnügt sich keineswegs mit Lyrischem und Allegorik, es holt das alte Element des Phallischen direkt heran, setzt Schwellkörper in die Form und provoziert das Wachstum. Es geht darum, die Macht des Daseienden zu einer •plastischen Erscheinung zu bringen, die jede Deformation und Gewaltsamkeit letzlich in einer höheren Natürlichkeit aufhebt. Die Form drängt mächtig von Innen an, wuchert aus Formlosen in Gestalt hinein. Marini zeigt und hält das offen, er deckt nichts zu und applaudiert nie. Er zeigt das Fragmentarische und Rudimentäre seines Rohstoffes, aber auch das Raffinierte und Groteske, das Endformen der Natur in diesem Material annehmen. Dieses Offenhalten des Gestaltungsweges macht diesen rapiden Wucherungsvorgang in seiner ganzen Spannweite sichtbar. Alle Details verquellen, um dies geile Wachstum der schwellenden Masse zur Sichtbarkeit zu bringen.. Und diese ungeheuerlich anwachsende Fülle wird durchblutet von jener verzweifelten Sinnlichkeit, die dieses Grundgefühl der tiefen Trauer gibt, das auch die Etrusker haben.

Marini ist weniger Bildhauer als Modelleur. Seine Bildhauerei ist Kernskulptur; er treibt plastische Form aus einem Kern hervor. Das stellt ihn in deutlichen Gegensatz zu Henry Moore, zu Giacometti oder Calder und ihrem Umgang mit räumlichen Arabesken und den Hohlformen. Marini arbeitet mit massiven Formkonstellationen, mit den Fußpunkten, über die sich die Konstruktion errichtet, und mit großen durchgreifenden Bewegungszügen, die die plastischen Massen zueinander und zum Raum in Beziehung setzen. Dazu kommt die äußerste Bestimmtheit des Funktionellen: das Schreiten, das Sitzen, das Stürzen. Dieses massive Fußfassen des bildhauerischen Dinges schafft eine enorme Raummächtigkeit, die ihrerseits den Figuren ihr Daseinsmächtigkeit gib, ihre außerordentliche Gegenwärtigkeit.

Es könnte nun scheinen, als symbolisiere sich in diesen Figuren eine Welt aus Nächtlichem und Hoffnungslosigkeit. Das Gegenteil ist der Fall. Wohl klingt eine, männliche und kraftvolle Trauer durch, denn Marini kommt aus alter Rasse und ist deshalb kein Optimist. Wie er mir sagte, wollen gerade die neuen Arbeiten, an denen er jetzt daran ist, noch tiefer ins Tragische geraten: stürzende Reiter, Zusammenbrechende. Unsere Welt ist ebenso, und ein Idealisches aus Weltverbesserung und Schwung ist unsere Sache nicht. Aber welche Kraft reckt sich in diesen Reitern! Dies Jasagen, das das Zeichen eines festen Glaubens an die Pracht und Macht unseres Daseins in der Welt ist, – diese männliche Hoffnung auf eine Zeit, in der auch die Reiter wieder singen werden und die Pferde wiehern!

Werner Haftmann

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