Etwa die Hälfte aller Hamburger Fischwirtschaftsbetriebe entschloß sich dieser Tage „spontan“ zu Inseraten in der Hamburger Volkszeitung. Da es in der Hansestadt immerhin noch einige Tageszeitungen mit größeren Auflagen gibt, als ausgerechnet dieses fast unter Ausschluß der Öffentlichkeit erscheinende Organ der kommunistischen Partei, ist kaum anzunehmen, daß sich die Firmen von ihren umfangreichen Inseraten eine besonders erfolgreiche Reklame in Hamburg versprachen. In der gleichen Ausgabe der Volkszeitung setzten außerdem 60 Inhaber von Hamburger Fischwirtschaftsbetrieben ihren Namen unter einen west-östlichen Solidaritäts-Aufruf, der die üblichen gesamtdeutschen Ziele aller kommunistischen Tarn-Organisationen in der Bundesrepublik propagierte. Das sind nun keine kleinen Fische mehr, das sind große Fische, große politische Fische.

Die Hamburger Fischwirtschaft hat Absatzsorgen. Ihr traditioneller Markt in Mittel- und Ostdeutschland liegt jenseits des Eisernen Vorhangs im kommunistischen Herrschaftsbereich. Durch ihre Inserate und Unterschriften in einer kommunistischen Zeitung hoffen die Hamburger Fischkaufleute nun dieses Absatzgebiet wiedergewinnen zu können. Darum ist ihre Reklame in einer ausschließlich in Hamburg erscheinenden Zeitung keine wirtschaftliche Werbung um den hanseatischen Konsumenten, sondern ein politisches Liebeswerben um die kommunistischen Machthaber in Berlin.

Die Sowjetzone hat bereits deutlich zu erkennen gegeben, daß sie mit Anlaufen des neuen Interzonen-Vertrages bestimmte Abnahmeangebote die der Westen gern akzeptieren würde, nur noch an gewisse westdeutsche Firmen richten wolle. Die Hamburger Fischkaufleute haben davon Wind bekommen und sagen sich nun: Inseriere ich in einer kommunistischen Zeitung, oder unterschreibe ich gar einen west-östlichen Aufruf, dann erhalte ich vielleicht einen sowjetzonalen Auftrag; unterschreibe und inseriere ich aber nicht, dann schwimmen meine Felle und Fische davon, und werden von anderen fellow travellers aufegfischt.

So überzeugend diese Argumentation klingen mag, so hat sie doch einige Lücken. Einerseits, geben die Hamburger Fischkaufleute den Sowjets zu verstehen, daß sie sich nur noch mühsam über Wasser halten können; die östlichen Angebote werden-entsprechend sein. Auf der anderen Seite verärgern die Betriebe, die bereits in erheblichem Umfang mit öffentlichen Krediten arbeiten, die Behörden in Bonn; neue Kreditverhandlungen werden davon nicht unbeeinflußt bleiben. Und schließlich kommt auch noch dieses hinzu: Der neue Interzonenvertrag gibt dem Westen die juristische Möglichkeit, der jetzigen Situation – Ostzonenmonopol gegen atomisiertes Westangebot – ein Ende zu bereiten. Auch auf westdeutscher Seite könnten Liefer- und Bezugsgemeinschaften mit bestimmten Quoten für den Interzonenhandel geschaffen werden. Damit stände Monopol gegen Monopol. Und so fraglich diese Entwicklung in einer liberalisierten Wirtschaft auch sein mag, so ist es doch gewiß, daß in einem solchen Monopol jene Fischwirtschaftsbetriebe, die in einer kommunistischen Zeitung inserierten, und jene Fischkaufleute, die ihre Namen unter gesamtdeutsche KP-Aufrufe setzten, keine allzugroße Chance mehr hätten.

Die Zukunft der Hamburger Fischwirtschaft mag nicht allzu rosig aussehen; allein etwas mehr Zusammenarbeit könnte hier über manche Schwierigkeiten hinweghelfen. Wenn aber erst einmal der Eindruck entstanden ist, daß die Hamburger Fischwirtschaft ihre Zukunft rot statt rosig sieht, dann wird ihr überhaupt nichts mehr helfen können. „Eßt mehr Fische und ihr bleibt gesund“, hieß es einst. Wenn aber allzu viele Kommunisten allzu viele Hamburger Fische essen sollten, dann ist es mehr als fraglich, ob die Hamburger Fischwirtschaft dabei gesund bleiben wird. W.