Von Paul Bourdin

Zum zweitenmal in kurzer Folge erleben wir, daß die öffentliche Meinung in Europa ihre Hoffnungen auf einen Mann setzt, der nach längerer Abwesenheit wieder auf der internationalen Bühne auftaucht. Es ist für die tiefe Beunruhigung der Völker bezeichnend, daß ein Personenwechsel auf einem außenpolitischen Posten solche Friedenshoffnungen zu erwecken vermag. Nicht weniger bezeichnend ist, daß es sich in beiden Fällen um Diplomaten der alten Schule handelt. Die Welt erwartet nichts mehr von öffentlichen Konferenzen, in denen die Staatsmänner immer die gleichen Litaneien hersagen, hauptsächlich um zu Hause Schwierigkeiten zu entgehen.

Die Vollversammlung der Vereinten Nationen in Paris hat diese Stimmung deutlich zum Ausdruck gebracht. Nicht der als „sensationell“ angekündigte Abrüstungsvorschlag hat die Gemüter zu bewegen vermocht, sondern die kühle, bedachtsame Mahnung des neuen britischen Außenministers Eden, man täte gut, zu den normalen Mitteln interstaatlicher, Beziehungen zurückzukehren. Die eigentliche Funktion der Diplomatie, so führte er aus, bestehe nicht darin, Propagandasiege davonzutragen, sondern die Beziehungen zwischen den Regierungen zu verbessern und Abkommen zu erstreben. Angesichts einer Lage, die „ernst, ja gefährlich, aber nicht verzweifelt“ sei, liege das Hauptproblem darin, zwischen den Demokratien des Westens und der sowjetischen Welt wieder eine Brücke herzustellen. Die klügste Methode hierzu sei, wenn die Großmächte „begrenzte und genau umschriebene“ Fragen anpackten, bevor sie sich auf ein „weiteres und mit größeren Hoffnungen erfülltes Gebiet wagten, „Mit Duldsamkeit, Geduld und Bescheidenheit so schloß er, „können wir eine Welt bauen, die der Toten des Krieges würdig ist...“

Vieles von dem, was Eden in der Vollversammlung der UNO und seitdem in zwei Reden im Unterhaus gesagt hat, verbindet ihn mit dem Manne, dessen Wiederauftauchen ebenso hoffnungsvoll in der Welt begrüßt wird. George F. Kennan soll Botschafter der Vereinigten Staaten in Moskau werden. Noch ist er nicht ernannt, noch weiß man nicht, ob der Kreml sein Agrement erteilen wird, aber Truman hat gesagt, er und Außenminister Dean Acheson glaubten, Kennan würde einen guten Botschafter für Moskau abgeben. Diplomatische Revirements pflegen im allgemeinen nur einen kleinen Kreis zu interessieren, selbst wenn es sich um so wichtige Posten wie, den des amerikanischen Missionschefs beim Kreml handelt. Die geplante Ernennung Kennans jedoch hat spaltenlange Betrachtungen in allen großen Zeitungen der westlichen Welt hervorgerufen, in der Monde und im Figaro, in der Sunday Times und im Manchester Guardian in der New York Times und in der New York Herald Tribüne und gewiß noch in vielen anderen, die uns nicht zu Gesicht gekommen sind. Die Welt schaut nach neuen Männern aus, die sich noch nicht in der sterilen Polemik zwischen Ost und West verbraucht haben und den hoffnungslos festgefahrenen Streit auf eine neue Ebene heben können, weg von den grundsätzlichen Proklamationen und hin zu konkreten Verhandlungen.

Der, Name Kennan ist ein Programm, und so möchte man in seiner geplanten Ernennung, zu Recht oder zu Unrecht, den Anfang eines neuen Versuches sehen, die amerikanische Außenpolitik gegenüber der Sowjetunion zu ändern. Kennan wäre seit langem der erste Berufsdiplomat auf dem Moskauer Posten, auf den Washington bisher mit Vorliebe Generale oder Admirale entsandt hat. Wichtiger als seine Karriere, die er hauptsächlich auf östlichen Außenposten in Estland, Lettland, Litauen, der Tschechoslowakei und vor allem in der Sowjetunion selbst durchlaufen hat, erscheinen in diesem Augenblick seine Schriften, in denen er seine Auffassung über die amerikanische Außenpolitik, insbesondere der Politik gegenüber Moskau, niedergelegt hat. Sie sind zunächst ein Bekenntnis zu den traditionellen Methoden der Diplomatie. „Aufgabe der Diplomatie ist es“, so schreibt er, „Ecken abzurunden und Übergänge zu erleichtern... Das ist Diplomatie im altmodischsten Sinne des Wortes... Die amerikanische Außenpolitik muß darauf abzielen, jede Möglichkeit am Leben zu erhalten, um internationale Differenzen zu schlichten, wo immer es möglich ist, und sie dort zu ertragen, wo eine Lösurg nicht möglich wäre, ohne daß man Zuflucht zum Kriege nimmt.“

Kennan wendet sich gegen „die legalistischmoralische Einstellung zu internationalen Fragen, die sich wie ein roter Faden durch die letzten fünfzig Jahre unserer Außenpolitik zieht“. Er bekämpft den für die amerikanische Außenpolitik so bezeichnenden Kreuzzug-Geist: „Die Aufgabe diplomatischer Beziehungen besteht nicht darin, Phänomenen, die das Ergebnis einer natürlichen Entwicklung sind, eine Zwangsjacke anzulegen ... Unsere rein legalistische Einstellung zu Fragen der Weltpolitik beruht zweifellos auf dem Wunsch, Gewalt in den Beziehungen zwischen den Völkern durch Gesetz zu ersetzen. Aber ironischerweise hat. diese Einstellung die Gewaltmethoden verewigt. Sie sind schrecklicher und für das Gleichgewicht der Kräfte verheerender als zu der Zeit, als nationale Interessen allein die Politik regierten.“

Kennan glaubt an die Möglichkeit des Ausgleiches nationaler Interessen und an die Politik des Gleichgewichtes der Kräfte. Er nennt sie den „erfolgreichsten Versuch, Kriege zu begrenzen, der nicht nur in der europäischen Geschichte, sondern in allen Teilen der Welt bekannt ist“. Die moralische Einstellung der Demokratien dagegen führt zu dem ideologischen Befreiungskrieg, der nur ein totaler Krieg sein kann, „weil die Demokratien unter dem Impuls des Zornes kämpfen, um den Angreifer zu bestrafen und ihm eine Lehre zu erteilen, die er nicht vergessen soll; ein Krieg dieser Art kann nur ein Krieg bis zum Ende sein... Ich glaube nicht, daß in einem neuen Weltkrieg ein totaler Sieg noch möglich sein könnte... Es gibt keine gefährlichere Illusion als die Auffassung vom totalen Sieg. Sie hat uns in der Vergangenheit die schlechtesten Dienste erwiesen und droht unsere Zukunft zu gefährden. Wir müssen eine neue Haltung einnehmen zu vielen Dingen jenseits unserer Grenzen, die uns mißfallen und irritieren.“