Es war ein vielhundertstimmiger Aufschrei. Wenige wußten rccht, wie es geschehen war, eigentlich keiner warum, aber trotzdem hielt sie das Ereignis in seinen Bann geschlagen, Anwesende und selbst Abwesende in unterschiedlichem Maße, und es zitterte noch Tage nach, bis es sich in den Spalten der Zeitungen und später in den Schränken der Büros verlor.

Als sich an diesem Morgen eines der zahllosen Fenster in einer der oberen Eugen des großen Bankhauses öffnete, stand die Sonne bereits hoch genug, daß sich durch den Reflex, den die halbkreisförmige Öffnungsbewegung des Glasfensters weitertrug, der erste Augenzeuge dieses tragischen und abscheulichen Selbstmordes fand.

Die Reinemachefrau Mrs. Lucy D. Wakefield aus Bowery war im Begriff, das am kommenden Tage neu zu eröffnende Büro der Hilfstechniker im vierzehnten Stockwerk der Television-Bau-Compagnie zu verlassen. Ihr prüfender Blick überflog noch einmal das Resultat ihrer Arbeit. Es war in der Tat ebenso leuchtend blank, wie „DRUP/X“, das letzte Produkt des bedeutenden Putzmittelkonzerns, das Ergebnis seiner Anwendung den Millionen Teilnehmern der auch von ihr durch finanzielle Beihilfen wesentlich geförderten Fernsehstation in kurzen launigen Zwischenprogrammen ständig vor Augen führte.

Mrs. Wakefields prüfender Blick wurde aber unwillkürlich plötzlich durch den Reflexblitz abgelenkt, der störend von einem soeben belegten Fensterflügel etwa von gleicher Stockverkhöhe des gegenüberliegenden Gebäudes herrührte.

Der Anblick, der sich ihr nun bot, war nichts Ungewöhnliches; denn in der Stadt des ungehinderten Fortschritts und der in Tagesschnelle die Früchte ergebnisreicher Tatkraft als Tradition befestigenden Aufwärtsentwicklung kann es nichts bedeuten, wenn ein Fensterputzer oder Dachdecker, Elektromonteur oder Stukkateur Operationen selbst in schwindelnden Höhen auszuführen hat. Und hätte nicht ein seltsames Ungewisses Schwanken und Zögern des Gegenüber auf dem Dachfirst unter der Reklameschrift einer großen Bierfirma – hätte nun nicht auch der Anzug des Betreffenden, der keineswegs als Arbeitsanzug oder dergleichen anzusprechen war – hätte nicht zuletzt sein vager Griff nach einer der Möwen, die ihn in der Höhe seiner Knie umstrichen – hätte das alles nicht die Summe ergeben, die in Mrs. Wakefields Gehirn als Mindestpreis für Neugier hinterlegt werden mußte – dann, ja, dann wäre Mrs. Wakefield wohl nicht jene zwei Stunden lang, die die Stadt Tausende kosteten, mit angehaltenem Atem in dem unbenutzten Büro im vierzehnten Stock geblieben. Ihr Weg hätte sie mit dem Fahrstuhl zur Kantine, zwei Stock unter der Erde, geführt. Dort hätte sie wahrscheinlich einige Stunden plaudernd verbracht; denn ihre nächste Tätigkeit begann erst am Nachmittag, bei einem kranken Kinobesitzer in Fiatbush. Und sie hätte dann wohl alles erst in der Nachtausgabe des „Standard“ gelesen, wenn überhaupt. Und nicht einmal die Sägespäne hätte sie beim Fortgehen mehr sehen können, mit denen man bis zur endgültigen Bereinigung den blutigen schaumigen Brei unter dem durchgeschlagenen Glasdach der Bank zu bedecken versuchte.

William G. Smith, 42, aus Bronx, 14th Street – diesen Namen erfuhr man anderthalb Stunden später durch die Zeitungen – hatte aus irgendeinem Grunde beschlossen, Selbstmord zu verüben. Weshalb es auf diese aufregende, fürchterliche und vielleicht auch ein wenig pathetische Weise geschehen mußte, wurde nicht herausgefunden; und Betrachtungen darüber in abgerissenen Gesprächen unter grüblerischen Menschen in den Straßen oder sonstwo führten ebensowenig zu wirklichen Ergebnissen wie die Bemühungen der Polizei, die den Selbstmörder binnen kurzem als ledigen, unbescholtenen, nüchternen Reisenden identifiziert hatte.

Als die Feuerwehr endlich ankam, war der Platz, der sich aus den drei aufeinander zulaufenden Geschäftsstraßen bildete, bereits gekeilt voll von Menschen, die ihre Verabredungen versäumten, ihren Pflichten nicht nachkamen und gebannt und fasziniert auf einen Punkt im vierzehnten oder fünfzehnten Stock des Bankhauses starrten, den sie auch im hastigen Gedankenaustausch mit willkürlich gewählten Gesprächspartnern nicht aus dem Auge ließen. Die Autobusse kamen nicht weiter, auf ihren Dächern hatten bereits einige Photographen ihren Platz bezogen, aber auch ein paar kräftige beherzte Männer, die dem Unbekannten dort oben zuriefen, von seinem Plan zu lassen. Der Unbekannte hatte sich jetzt auf das Sims gesetzt, am Rande einer der ionischen Säulen, die, in sinnloser Höhe, nichts zu tragen haben, und pflückte unbeständig und ohne Vernunft am Ärmel seines Jacketts herum.