„Ihre Schätzungen erwiesen sich als falsch; ihre Beamtenschaft versagt; ihre Pläne mißlingen: Aber die Arbeit geht weiter, wird mit der Zeit zur Gewohnheit. Auf die Dauer summieren sich die Teilresultate – und schließlich erreicht das Sowjetregime, was es wollte, so oder so stellt sich der Erfolg ein...“

Diese auf die Sowjetunion bezogene erkenntnisreiche Feststellung des „Economist“ aus dem Jahre 1940 gilt mutatis mutandis ebenso für die sowjetische Besatzungszone Deutschlands, und sie ist vielleicht das treffendste Motto, das einer kritischen Betrachtung des sowjetzonalen Fünf jahresplans vorangestellt werden kann. Der bereits im Juli vorigen Jahres mit der SED-„Firmenmarke“ auf dem dritten Parteitag der Sozialistischen Einheitspartei im Entwurf vorgelegte Fünfjahresplan für 1951 bis 1955 ist am 1. Januar angelaufen. Die gesetzliche Grundlage wurde dann für das erste Planjahr 1951 zwar auch schon verspätet – am 14. März durch das Gesetz über den Volkswirtschaftsplan 1951 geschaffen, während der Gesamtplan erst jetzt am 1. November seine gesetzliche Basis erhielt.

Diese Verspätung und die zum Teil erheblichen Abweichungen von dem vorjährigen Entwurf lassen die Schwierigkeiten ahneri, die für die sowjetzonale Planung inzwischen, offenbar durch die enttäuschende Entwicklung des Interzonenhandels, entstanden sind. Sie drücken sich aus in dem geradezu krampfhaft forcierten Umbau der sowjetzonalen wirtschaftlichen Struktur: im Rahmen einer allgemeinen Erweiterung des industriellen Abschnittes sind vornehmlich die Grundstoffindustrien und der Schwermaschinenbau zu „Schwerpunkten“ erklärt worden. Die nahezu völlige Ostorientierung des Außenhandels, dessen Volumen bis 1955 auf 290 v. H. des Umfangs von 1950 gesteigert werden soll, drückt dem gesamten Produktionsprogramm deutlich ihren Stempel auf. So sollen kleine Maschinen und elektrische Spezialgeräte fast nur noch für! den Exportbedarf hergestellt und Meß- und Prüfeinrichtungen von der feinmechanischen und optischen Industrie insbesondere für den Export entwickelt werden. Wie stark die strukturelle Planung von den weit ineinandergreifenden sowjetrussischen Reparations- und Importinteressen bestimmt wird, zeigt sich in der allgemeinen Anweisung über die Beseitigung der vorhandenen „Disproportionen“ in der Industrie: „Rekonstruktion und Ausnutzung der vollen Kapazität der Betriebe, die Waren für den Auslandsmarkt in Übereinstimmung mit dem Export-Import-Plan und den (Reparations-)Verpflichtungen der Republik herstellen.“ Bei dieser Konzeption gerät allerdings von der Fünfjahresplanparole „Mehr arbeiten, um besser zu leben“ deren zweiter Teil wieder weiter ins Hintertreffen. So heißt es im Abschnitt „Leichtindustrie“: „Die Rekonstruktionsarbeiten sowie die Erweiterungen, Neuausrüstungen und Umstellungen in den Betrieben der Leichtindustrie sind nach der Durchführung der großen Aufgaben in der Schwerindustrie, insbesondere in den Jahren 1954 und 1955, durchzuführen. Bis 1953 sind die vorhandenen Anlagen durch sorgfältige Pflege und planmäßige Ausnutzung auf dem höchstmöglichen technischen Stand zu halten.“

Eine Überraschung bietet der Plan insofern, als erstmalig die Produktionsziele größtenteils nicht nur in Relativzahlen, sondern in absoluten Mengen angegeben werden. Dadurch ist es möglich, die von sowjetzonaler Seite bisher bewußt verschleierten Produktionsergebnisse für das Basisjahr 1950 zu errechnen. Wieweit die zugrunde gelegten Basiszahlen objektiv richtig sind, ist eine andere Frage. Immerhin stimmen sie zum Teil mit den bisherigen westdeutschen Schätzungen überein. Andererseits ist in ihnen offensichtlich die vielfach hohe und in den Planzwischenberichten wiederholt zugegebene Ausschußquote, die ja keine verwertbare Produktion darstellt, nicht berücksichtigt. Ein weiteres Unsicherheitsmoment liegt darin, daß für den Zweijahresplan 1949 bis 1950, dessen Ergebnisse die Grundlage für den Fünfjahresplan bilden, bereits falsche Zahlen zugrunde gelegt worden sind. Zur Stabilisierung des kommunistischen Minderheitsregimes, insbesondere anläßlich der Errichtung der sogenannten Deutschen Demokratischen Republik, und der vorjährigen Einheitslisten-„Wahl“ wurden für die Propaganda ständig imponierende Planziele und hohe Erfüllungszahlen verwendet, in denen sich die sowjetzonalen Planfunktionäre fraglos hier und da verstiegen haben. Aber aus Gründen des Prestiges gibt es hier kein Zurück. Trotzdem vermittelt die Rückrechnung von den Planzielen für 1955 zu den angeblichen Ergebnissen des Jahres 1950 weit mehr konkrete Anhaltspunkte zur Beurteilung des sowjetzonalen Wirtschaftsstatuts, als sie jemals bisher zur Verfügung standen. Mindestens dürften sie im Sinne des vorangestellten Mottos für ein einigermaßen objektives Bild verwertbar sein.

Für die Darstellung in der hier veröffentlichten Graphik wurde eine Reihe von repräsentativen Produktionszweigen, in drei Fällen mit Vergleichszahlen für 1936, ausgewählt. Bei allen Vorbehalten für die Erreichbarkeit der gestellten Planziele ist am „imponierendsten“ die Zielsetzung bei der Eisenerzgewinnung mit 910 v. H. der Menge von 1950. Obwohl diese Forcierung der Förderleistung „zusätzlich zu einer hohen Eisenerzeinfuhr aus der UdSSR“ mit der angestrebten Erhöhung der Eisen- und Stahlproduktion ausdrücklich begründet wird, drängt sich doch auch gerade wegen dieser ostentativen Begründung die naheliegende Frage auf, ob und wieweit sich in dieser „Eisenerz“-Menge die an keiner Stelle des Planes erwähnte Uranförderung verbirgt, für die ja bekanntlich die größten Anstrengungen auf Befehl und zugunsten der Sovjetunion gemacht werden müssen. Daneben ist für Bleierzkonzentrate ein Plansoll von 635 v. H. und für Zinnerzkonzentrat ein Soll von 762 v. H. aufgestellt worden. Bei Steinkohle entspricht das Plansoll von 124,8 v. H. mit einer Fördermenge von 3,5 Mill. t der Vorkriegsförderung, während sich für 1950 allerdings nur eine absolute Förderung von 2,8 Mill. t errechnet. Z.