Von unserem süddeutschen Korrespondenten

K. München, Ende November

Dem Augsburger Weihbischof Dr. Franz Xaver Eberle, in partibus infidelium Bischof von Zalike, der zu Beginn der vergangenen Woche im Alter von 77 Jahren verschied, galten um die Jahrhundertwende große Hoffnungen. Die meisten Mitglieder der Hocharistokratie, allen voran Bayerns und beider Kastilien frömmste Frau, Prinzessin Ludwig Ferdinand, eine spanische Königstochter, sahen in ihm einen künftigen Bischof von München. Sie ahnten nicht, daß ihr Ideal eines Kavaliers im Priesterkleid zum Sozialismus neigte.

Die Unmöglichkeit, sich dazu, zu bekennen, entlockte Eberle in vertraulichen Gesprächen manch hitziges Wort. Sein Unmut über die Kirchenfeindlichkeit der Vorkriegs-Sozialdemokratie ließ ihn das betonte Dissidententum vieler ihrer früheren Funktionäre als Instinktlosigkeit geißeln. Sein Haag stammte übrigens nicht etwa aus der Beschäftigung mit Tages- oder Parteipolitik, die ihm schon zuwider waren, als sie noch unter nobleren Vorzeichen betrieben wurden, sondern aus seinen eifrigen nationalökonomischen und sozialwissenschaftlichen Studien. Nicht nur Doktor der Theologie sondern auch der Staatswissenschaften, wäre er ebenso für einen volkswirtschaftlichen Lehrauftrag befähigt gewesen, wie er sich ab 1912 als Professor für Moraltheologie am Passauer Priesterseminar hervorragend bewährte.

1934 wurde er zum Weihbischof in seiner Geburtsstadt Augsburg ernannt, wo er zuvor 17 Jahre lang als Dompfarrer, zeitweilig auch als Generalvikar, gewirkt hatte. Danach versuchten ihn prominente Nationalsozialisten für die Verwirklichung der Los-von-Rom-Bewegung zu gewinnen, der Hitler, als Jünger Schönerers auch darin verblendeter Epigone, bis zu seinem Ende anhing.

„Ein Renaissancebischof“, hatte man dem Braunauer souffliert, und so kam es, daß Hitler den darob verzweifelten Weihbischof eines Tages nach Berlin zitierte. Das genaue Datum der wenige Wochen vor dem Einmarsch in Österreich erfolgten Unterredung zwischen dem schismabesessenen Diktator und dem Augsburger Weihbischof läßt sich nicht mehr feststellen. Wohl aber, daß ihn Hitler nach Eberles eigenen Worten „als NS-Gegenpapst ausersehen hatte“,

Nie ist über diese skurril anmutende Begegnung ein Wort in die Öffentlichkeit gedrungen, Nie ist bis jetzt den deutschen Katholiken bekannt geworden, daß und wie sich hakenkreuzlerischer Atheismus und klinikreifer Größenwahn vermaßen, einen der treuesten Söhne seiner Kirche für ein Abenteuer zu gewinnen, das, als es auf Anhieb mißlang, nie aufgegeben, nur vertagt wurde! Nur die engsten Vertrauten des verstorbenen Weihbischofs wurden in das Geheimnis dieses Vorgangs – und auch dies erst Jahre später – eingeweiht; nur in seinem Murnauer Häuschen, wohin ihn selten genug sein mühevolles Amt entließ, war er zum Erzählen zu bewegen.