Der Zeitroman als Utopie. Zu Stefan Andres’ Zyklus „Die Sintflut“

Was es mit dem Dritten Reich wirklich auf sich gehabt hat für die Zukunft der Menschheit, welche Rolle ihm im Gefüge der Weltgeschichte überhaupt zugedacht war, das ist trotz der unermeßlichen Flut von Memoiren, Analysen, Satiren und um Gerechtigkeit bemühten Urteilssprüchen bis heute noch ebenso ungeklärt wie die nur scheinbar dringlichere Frage, welcher Sinn dem Sowjetsystem im Ablauf der Weltbegebenheiten letztlich zukommt. Nicht einmal das ist klar, wer für die Antwort zuständig sein soll: die Theologen oder die Philosophen, die Moralisten oder die Humanisten. Tatsächlich aber steht es so, daß die Romanciers die intensivste Vorarbeit leisteten. Huxley („Brave new world“), Koestler („Sonnenfinsternis“), Thomas Mann („Doktor Faustus“) und Orwell („1984“) haben mit dichterischer Präzision den satanischen Charakter der Normungen ans Licht gebracht und gezeigt, wie Menschen, zwischen Gott und Teufel verloren, sich am Abgrund des Verzweifelns entlangtasten. Die Diktaturen erscheinen dabei als Heimsuchungen, als Herausforderung der Menschen durch Gott, der ihnen die Sintflut schickt, damit sie zeigen, ob sie erkannt haben, wo er wohnt.

„Vielleicht muß diese ganze Verzweiflung aus den Deutschen, aus Europa herauseitern! Und man muß sogar schneiden und brennen!“ Unter diesem Motiv der Notwendigkeit sieht Stefan Andres den ganzen ungeheuerlichen Vorgang des zwölfjährigen Reiches. Dieser große Romancier, der einzige, den Deutschland heute aufzuweisen hat, fängt den Weg in die Katastrophe nicht mit den Mitteln des realistischen Zeitromans ein, sondern als Utopie, mit jener poetischen Freiheit, die die Treue zum historischen Detail verachten kann, weil sie in allem das Wesentliche unterscheidet. Die Legenden von Noah und der Arche, die seine Romantrilogie „Die Sintflut durchziehen, haben keine andere Wirklichkeitsstufe als die Umwälzung und Verheerung, die Ader „Normer“ Alois Moosthaler über Deutschland und Europa bringt. Das labyrinthische „Haus der Norm“ auf der Pfaueninsel ist so wenig eine Tatsache gewesen wie die Blitzannexion Deutsch-Südwestafrikas oder die Figur des „Confessors“ Olch, der als Johannes der Täufer das Erscheinen dieses monströsen Heilands der Norm vorbereitet. Stefan Andres kann es sich leisten, mit den Fakten so großzügig zu schalten, weil sein Anliegen nicht die Reproduktion ist, sondern die Frage nach dem rechten Verhalten des einzelnen in dieser unvermuteten und bestürzenden Gefährdung.

„Ich rühre die Waffen des Normers nicht an, weder für noch gegen ihn.“ Dieses Wort des katholischen Theologiestudenten Lorenz* Gutmann deutet die Mitte an, von der aus auch die Gegner der Diktaturen, die Attentäter, die Verschwörer, die Widerstandskämpfer – als ethisch fragwürdig erscheinen, weil sie ebenso zum Bösen ja sagen wie alle diejenigen, die unter dem Regiment der Norm gehorsam leben. In dieser Mitte indessen kann nur der verbleiben, der außerhalb aller, politischen Entscheidung zu existieren vermag und auch die Haltung der Kirche in weltlichen Dingen verwirft, Lorenz Gutmann gelingt durch eine absurde Ironie der Umstände die Emigration. Aber in Italien findet er die Kirche im faulen Frieden mit dem „Tribunen“ und erlebt, wie sie die christlichen Bekenner im Stich läßt. Das jämmerliche Ende eines solchen Märtyrers, des Leutpriesters Don Evaristo, nimmt Lorenz die Illusion über sein künftiges Priesteramt, und er verzichtet auf die Weihen. In einer Umwelt, die von Selbstgerechtigkeit jeglichen Ausmaßes strotzt, fühlt er seine Reinheit zugleich als tiefe Unzulänglichkeit. „Falls meine Generation mich eines Tages fragen wird, wenn ich aus der Einöde zu ihr komme: wo bist du gewesen? – was soll ich dann sagen?“

Nicht einmal die Arche bietet diesem Noah unserer Tage Zuflucht. Denn in der „Area di Noë“, dem ausgebauten Kastell über der Felsenstadt Città morta, die im ersten Roman der Trilogie, „Das Tier aus der Tiefe“, die Freunde der Freiheit sammelte, werden nach der Machtergreifung des Normers die Gegenintrigen gesponnen. Der Titel des zweiten Romans, „Die Arche“, ist eine bittere Ironie: Haus der Norm und Arche haben sich in fatalster Weise einander angeglichen. Für Lorenz Gutmann, in den ein gut Teil von Stefan Andres’ eigenen Erfahrungen eingeflossen ist, gibt es keine sichtbare Kirche mehr. „Die Reiche der Gotteslästerer haben keinen Bestand. Das war sein Glaube, seine Gewißheit, seine Arche. Und die Norm mit dem ruhigen Auge des Historikers anzusehen, war ihm eine geistige Lust...“

Der einsame Glaube schafft die Distanz zu den Ereignissen; ihr Grauen kann ihn nicht überwältigen. Aber es ist immer im Bewußtsein des „bis in die Sterne erhabenen“ Betrachters. Aus dieser Spannung quillt der ingrimmige Humor, in dem Andres’ Roman seinen Lebensnerv hat. Das Schauerliche und das Skurrile, das Bohrende und das Idyllische, die Reflexion und die stille Einfalt können unvermittelt nebeneinanderstehen, wie in den großen Büchern des Barock, bei Swift, bei Sterne, bei Jean Paul, deren äußere Formeigentümlichkeiten Andres auch in den Kapitelüberschriften wieder aufgreift.

Am Ende des zweiten Bandes hat die Sintflut die trunkene Stadt Ur erreicht; der Normer hat den Krieg verkündet. Lorenz Gutmann aber, der an seinem Ausgang nicht zweifelt, ist schon jetzt entschlossen, nach der Katastrophe das Fernbleiben vom Vaterland zu sühnen durch schnelle Rückkehr und durch die Verbreitung der Erkenntnis, daß weder Haß noch Pharisäertum zum Urteil über die zwölf Jahre befugt sind. Heilen kann nur das Mitleid. Denn „diese durch die Macht, durch den Liebesverkehr mit der Macht Erkrankten waren – das darf man nicht vergessen – in einer bestimmten Hinsicht wahnsinnig.“ (R. Piper & Co. Verlag, München, 818 und 679 S., Leinen 19,80 und 18,50 DM).

Ingeborg Hartmann