Von Wolfgang Menge

Der städtische Mitteleuropäer befindet sich fast immer im Vorstadium der Neurose. Dieser Satz war das Fazit einer vorzüglichen Schrift von L. Paneth. Sie wurde vor rund 30 Jahren, veröffentlicht, und wenn wir uns überlegen, wie sich die mitteleuropäischen Städte seither entwickelt haben, dürften wir Großstädter nunmehr von einer Neurose wohl kaum noch weit entfernt sein. Inzwischen hat sich nichts zum Vorteil geändert. Nehmen wir nur einen Faktor, eine Angelegenheit, die unsere Nerven strapaziert, den Lärm. Das hört sich eigentlich recht gewöhnlich an, einfach: Der Lärm. Wir sollten sagen, die Hölle des Lärms. Ja, wir sollten es nicht nur sagen, sondern jedem einzelnen ins Ohr schreien. Sonst würde er es nämlich gar nicht wahrnehmen. Wir Großstädter hören, wir empfinden den Lärm unserer Stadt nicht mehr. Lärm macht taub.

Lärm kann gemessen werden. Die Einheit des Lärms ist das Phon. Die untere Hörschwelle beträgt 0 Phon, körperliche Schmerzen verursacht der Lärm von 130 Phon. Dazwischen liegt unser Leben. Kürzlich haben die Philipswerke mit einem elektroakustischen Schallmeßgerät an den Brennpunkten einer norddeutschen Großstadt den Lärm gemessen. Das kam dabei heraus:

Ein verkehrsreicher Platz im Zentrum der Stadt: rush hour. Das Meßgerät steht auf der Verkehrsinsel in der Mitte des Platzes. Innerhalb von zehn Sekunden schlägt die nervöse Nadel des Gerätes achtmal stark aus. Ein einziges Motorrad ist lauter als drei Straßenbahnwagen. Zwei Lastwagen sind so laut, wie zwei Preßlufthämmer. Und die Menschen? Sie hasten, wenn grünes Licht ihnen den Weg freigibt, über die Fahrbahn. Sie reden, lachen und flirten sogar. Sie tun, als wäre das alles selbstverständlich unter der Maske des Lärms. Sie schreien und denken, daß sie flüstern. – Allgemeiner Straßenlärm wurde mit 80 Phon gemessen, ein Zweitaktmotorrad hatte 98 Phon, zwei Lastzüge 103 Phon. Der Abstand war ein bis zwei Meter.

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Baustelle in einer Nebenstraße: Vormittag. Im Augenblick sind zwei Preßlufthämmer in Betrieb, am Tage vorher waren es noch acht. Das Meßgerät zeigt 105 Phon an, bei einem Hammer sind es 100, also nur zwanzig Phon mehr als der normale Straßenlärm im Zentrum der Stadt. Aber hier halten sich die Passanten die Ohren zu. Hier spüren sie den Lärm. Die vier Arbeiter kümmern sich nicht darum. Einer macht das schon zwölf Jahre. Acht Stunden lang arbeitet er im Lärm, – danach kann er kaum noch etwas hören.

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