Ein Auftrag und eine späte Uraufführung

Seinen ersten Abend in der neuen Spielzeit hatte das „Neue Werk“ im NWDR (Hamburg) ganz und gar dem Geiste Franz Kafkas verschrieben. Ernst Schnabel huldigte ihm mit einer knappen Ansprache in angenehm maßvoller und doch fühlbar persönlicher Weise. Otto Kurth las die Novelle „Ein Landarzt“, und das „Streichquartett Berlin“ spielte Boris Blachers Auftrags werk „Epitaph (dem Gedächtnis Franz Kafkas)“ – ein Produkt, hochanständigen Kunsthandwerks, wie der immer aus reichem Fundus Schöpfende dergleichen auf Bestellung eben zu bieten pflegt.

Das zweite Auftragswerk, zugleich Hauptstück des Abends, war die (angebliche) Funkoper „Ein Landarzt“ von Hans Werner Henze. Es ist nur zu hoffen, daß weder die Entwicklung der Gattung Funkoper noch die der Musik überhaupt dem hier gegebenen schlechten Beispiel folgen wird. Hanslicks berühmtes Wort „Musik ist tönend bewegte Form“, einst von Wagner und den Seinen verspottet, dann zum Schlachtruf der Antiwagnerianer geworden, wird heute anscheinend schon wieder nicht mehr verstanden. Und das bedeutet eine neue Hinneigung zum Wagnerismus, dessen Wesen ist: die Ignorierung des ersten Hoheitsrechtes der Musik, Gestalt und Gehalt in einem zu sein, im Sinne des Hebbelwortes „Die Form ist der höchste Inhalt“. Bei diesem Henze ist kein Hauch mehr zu verspüren, vom Eigenleben der Musik als eines tönenden Organismus’. Und wenn der junge Kompositeur aussagt, er habe den einzelnen „Nummern“ seiner Funkoper „konstruktive Prinzipe“ wie Kanon, Fuge, Sonate und so weiter zugrunde gelegt, so ist das ein bloßer Bluff, den Laien zu verwirren. Wäre es dies nicht, so wäre es ein Zeichen tiefster Ahnungslosigkeit vom Wesen echter musikalischer Form (und der genannten Formen insbesondere) – also noch schlimmer.

Was man tatsächlich zu hören bekommt bei diesem Musterbeispiel festgefahrenen Schönberg-Epigonentums, ist: die Vorlesung des originalen Novellentextes, deren Sprechton bei gewissen Stichworten ganz sinnlos für wenige Taktzeiten in einen vagen Quasi-Gesang überschnappt, und zu dem Ganzen die Begleitung einer stimmungmalenden Klangkulisse, wie sie episodisch die Schauspielbühne seit Reinhardt tausendmal als todsicheres Suggestionsrequisit eingesetzt hat ohne den Anspruch, als „Musik“ genommen zu werden. Was ist hier neu (außer ein paar funktechnisch bedingten Effekten)? Was fruchtbar? Was schöpferisch? Die Technik ist die uralte des Melodrams – eines Zwitterdings, das immer umstritten war und von dem nur ein Schritt ist zum musikalischen Budenzauber... Wäre es nicht das Zeichen unserer Zeit, daß viele Menschen (und nicht nur Unwissende) in ständiger Furcht leben, als rückständig zu erscheinen, wenn sie einer sich revolutionär gebärdenden Neuheit noch mit Kritik gegenübertreten, so erübrigte sich jede Stellungnahme. An diesem Abend fanden sich freilich noch genug Furchtlose am Tatort, denen die Sache trotz des Aufgebots ausgezeichneter Interpreten (Hermann Spitz als Dirigent, Otto Kurth als Regisseur) nur einen temperierten Höflichkeitsapplaus abringen konnte. *

Nicht allerneuesten Datums (da schon vor einer Reihe von Jahren komponiert) und dennoch „heutige“ Musik im besten Sinne ist Karl Höllers Erste Symphonie, die Joseph Keilberth in Hamburg zur Uraufführung brachte. Sie wird auch morgen noch „heutig“ sein, weil ihre Aktualität nicht die schnell vergängliche des Materials und der technischen Mache ist, sondern die dauerhafte der musikalischen, geistigen und – menschlichen Substanz. Höllers Musik ist immer auch menschliche Aussage jener absichtslosen, unwillkürlichen Art, die den wirklich schöpferischen Künstler kennzeichnet. Ihre Sprachmittel sind hier: ein weiter thematischer Atem, ein elementares Kraftgefühl, eine üppige, saftstrotzende Klangphantasie und ein formendes Bewußtsein, das auch widerstrebende Bauelemente in eine kühn getürmte, großräumige Architektur zwingt; wäre dies Bewußtsein nicht so stark, so könnten die ekstatischen Energien auch die Ausdrucksgrenzen sprengen, die mit zackigen, aber geschmeidigen Konturen den Bogen der Form umspannen. – Die drei Sätze dieser Symphonie (cis-moll, op. 40) sind Zeugnisse einer Meisterschaft, die dem Komponisten nicht in den Schoß gefallen ist, die aber nun um so gesicherter dasteht, In glänzender Interpretation durch Keilberth und die Hamburger Philharmoniker brachte das auch in seinen motorischen Impulsen ungemein vitale, virtuos instrumentierte Werk seinem Autor einen für hiesige Verhältnisse bemerkenswerten Erfolg ein.

Walter Abendroth