Von Leo Nitschmann

In geschichtlich ruhigen Zeiten wendet der Mensch seine Aufmerksamkeit mehr der Umwelt und der Geschichte zu. In Zeiten geschichtlicher Brüche und Krisen dagegen rückt er sich selbst mit seinen Anliegen in den Vordergrund. Die alte Frage der attischen Tragödie, nach dem, was er sei, tritt nachdrücklich überall auf. Die Wissenschaften schwenken auf seine Themen ein. Die Personalunion zwischen Subjekt und Objekt wird intensiver. Wissenschaft wird – neben ihrer objektiven Substanz – als Schicksalsmacht empfunden. Überall, in Kunst, Literatur, Theater und Soziologie wird der Mensch Gegenstand der Analyse ebenso wie der Deutung. Wir kennen eine ganze Reihe von Beispielen dafür. Surrealismus, Phänomenologie, Existenzphilosophie, Parapsychologie und ganze Zweige der modernen Soziologie haben das klassische Gehäuse des Geistes zerbrochen. Sie stehen jenseits der Unterscheidung von Person und Gegenstand. Und indem sie diese Trennung ausgelöscht haben, lassen sich auch die Gegenstände selbst nicht mehr scharf voneinander abgrenzen. Die Seinsthematik des Menschen hat das zweitausendjährige System der Ontologie aufgerollt. Die Nahtstelle all dieser Bestrebungen, der Ort, an dem Sein und Existenz sich berühren, ist naturgemäß die Anthropologie. Also das, was Max Scheler als die „Lehre vom Wesen und Wesensaufbau des Menschen“ bezeichnet hat.

Um es gleich vorweg zu sagen: Sie ist keine perfekte Wissenschaft. Sie ist also weder abgeschlossen, noch sind ihre strukturellen Grundbeziehungen geklärt. Aber sie unternimmt es, die Wissenschaft, alle ihre Zweige von der theoretischen Physik bis zur Philosophie, über den Menschen zu befragen. Sie läßt sich nicht isolieren; denn das Wesen des Menschen kann nicht „für sich“ betrachtet werden, sondern nur im Hinblick auf das Seiende überhaupt. Indem sie Lehre vom Sein ist, sind das Sosein und das Bewußtsein in ihr enthalten. Sie befindet sich in einen experimentellen Stadium und ist heute mehr denn je von dem Sich-gegenseitig-Auskunftgebet – von den Querverbindungen der Fachwissenschaften abhängig. Die jahrhundertealte Dualität Leib–Seele hat ihren philosophischen Rang verloren. Was uns viel mehr auf den Nägeln brennt, ist der Zwiespalt zwischen Vitalität und Geist Denn er ist für die Krankheit des Individuums ebenso zuständig wie für die der Gesellschaft.

Im Zuge dieser Integration des fachlichen Wissens hat das Selbstverständnis des Menschen im Laufe des letzten halben Jahrhunderts wesentliche Veränderungen erfahren. An die Stelle der klassischen Ideale, der Geordnetheit, der Geborgenheit, der Sicherheit, der Harmonie ist ein Orkan von Fragen getreten. Ein labyrinthisches Seitsgefühl, ein Bewußtsein von dem Pacalschen „Elend des Menschen“ ist überall dort, wo die Situation nicht im Pathos der Phrase erstickt wird, eingetreten. Oder wie anders soll man es verstehen, wenn ein unter uns lebender Kliniker, Internist und Psychotherapeut kürzlich davon sprich, daß, vom Standpunkt der modernen tiefenpsychologischen Betrachtungsweise aus das Bombardement unserer Städte wahrscheinlich der Erfüllung eines in uns selbst ruhenden Wunsches entspricht. – In jeder derartigen These phosphoreziert das Elend, die Krankheit der Schöpfung hindurch.

So ist es nicht verwunderlich, daß die klassische Trennung von Gesundheit und Krankheit nicht nur für Kulturphilosophen, sondern auch für Ärzte immer fragwürdiger geworden ist. Ortega sieht im Menschen ein von Natur aus krankes Wesen. Nicolai Hartmann definiert auf der ontologischen Ebene: „Die Lücke ist der kosmologische Ort des Menschen!“ Immer stärker treten heute die Psychoanalytiker mit ihren kulturphilosophischen Schlüssen in den Vordergrund. Aber, statt um Bewertung geht es um Bedeutung des Krankheitsausdruckes. Hönigswald sieht in den Symptomen der Geisteskrankheiten geradezu die „Tatsachen der Verständigung“. Die sogenannten Geisteskrankheiten werfen den Menschen in eine andere Welt als die, in der „wir“ leben. Jedoch auch das wird heute in Frage gestellt. Viktor v. Weizsäcker z. B. sieht in unserer geschichtlichen Krisis nur das makroskopische Abbild der Krankheit des Individuums. Auch der Arzt Wilhelm Kütemeyer versucht in neun Essays unter dem Titel „Die Krankheit Europas“ (Beiträge zu einer Morphologie, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. und Berlin, 302 S., Leinen 12,50 DM), das Mißgeschick unseres Kontinents als soziologischen Krankheitsprozeß zu begreifen. Er wendet sich dabei – thematisch gesehen – völlig verschiedenen Dingen zu: Der christlichen Substanz Hölderlinscher Dichtung, dem Dogmenproblem des Arztes, dem Verhältnis des Materiellen im Christentum oder den Wandlungen innerhalb der medizinischen Anthropologie. Die verschiedensten Gebiete unseres täglichen Lebens liefern ihm Material, welches der Klarheit der Diagnose ebenso dient, wie es Handhabe für die Therapie ist. Kütemeyer hat die Klinik mit der Geschichte vertauscht und ist dabei trotzdem Arzt geblieben. Nirgends findet sich eine Spur abstrakter Spekulation, sondern überall bleibt das Hippokratische Ethos als Regulativ erhalten. Methodisch gesehen handelt es sich also um ein soziologisches Analogon zur Individualmedizin. Aber diese Medizin ist zugleich Fundament, übernimmt die Rolle der Anthropologie.

Das wesentlichste Merkmal des gesellschaftlichen Krankheitsprozesses sieht der Verfasser im Zwiespalt. Nicht, daß er in den Choral der pessimistischen Gesellschaftskritik mit einstimmte! Denn in diesem Lamento an der Klagemauer um die „Einheit“ des Menschen geht jede schöpferische Entfaltung des Geistes unter. Sondern es ist der schizoide Tatbestand, „daß Zusammengehöriges an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten“ zu suchen sei. Dieses Faktum ist auch für den Mangel an Verständigungsmöglichkeit zwischen den einzelnen Fakultäten verantwortlich. So ist es nicht verwunderlich, mit welcher Besessenheit alle Denker und Therapeuten von Kierkegaard über Nietzsche bis auf Ortega, Albert Schweitzer und Exeperuy gegen diese schizoide Spaltung, gegen die Priorität des Funktionärs angekämpft haben. Zwar ist der Mensch ein heterogenes, ein vielschichtiges Wesen. Aber gerade daher ist es nötig, den morphologischen mit dem funktionellen Gesichtspunkt zu vertauschen. Dadurch wird zwar die fachliche Einheit aufgelockert, wenn nicht gar zerstört; (was man an dem Eindringen der somatischen Medizin in die Kliniken beispielhaft nachprüfen kann) aber die methodenbildende Kraft der Anthropologie gewinnt gerade daran neue Aspekte. Freud, ein Nietzsche der praktizierenden Medizin, durchbrach mit seiner Physiologie des Geistes zum erstenmal die klassischen Schranken; und mit dieser Lösung sowohl aus der materiellen wie der idealistischen Umklammerung öffneten sich die Tore zu einer Realbetrachtung des Menschen. Daß die Medizin erst heute beginnt, gegenüber den Symptomen der sozialen Erkrankung sehend zu werden, sieht Kütemeyer in der Neuartigkeit der Aufgabe begründet.

Die Gesellschaft ist mehr als eine SummationÜber die einzelnen. Von der soziologisch-psychologischen Seite haben besonders in Frankreich Ei Dürkheim und Levy Brühl wertvolle Beiträge dazu geliefert. Leider sind diese Erkenntnisse in Deutschland noch kaum fruchtbar geworden und man ist über Le Boos Schlagwort von der Masse kaum hinausgekommen. Jede Gesellschaft’ ist ein Kollektiv, und jeder einzelne gehört ihm durch irgendwelche Funktionen an. Worauf es ankommt ist, ob dieses Kollektiv „funktioniert“ oder ob es „deliert“. In diesem Sinne sind wir als Europäer alle Patienten. Eben weil der Mensch unsere Sorge und die Nähe des Kannibalismus unübersehbar geworden ist; – sogar als handgreifliche Lebensform. Die Apokalypse ist in den Alltag eingedrungen, und daher ist Wachsamkeit gerade auch im Kleinsten geboten. Erst daran vermag die Anthropologie ganz die Schwere ihrer Verantwortung zu ermessen.