Das nachgelassene Drama „Der Graf von Ratzeburg von Ernst Barlach wurde an den Städtischen Bühnen Nürnberg-Fürth uraufgeführt“ Der Regisseur Heinz Joachim Klein, dem Verstorbenen in langjähriger Freundschaft verbunden, hat das wahrhaft ungeschlachte Werk dramaturgisch gründlich überholt: mit Kürzungen, Umstellungen und Ergänzungen. Auf Tagebuchnotizen Barlachs oder auf Gespräche mit ihm zurückgehend, wurden klarere dramatische Bezüge gewonnen, wurde das archaisierende Schriftdeutsch geglättet und wurden einzelne szenische Monstrositäten eliminiert. Das Stück, das man; für ein Lesedrama gehalten hatte, wirkte in dieser „Nürnberger Fassung“ doch klarer und dichter als bei der Lektüre.

Einer restlos logischen Deutung entzieht sich dieses Bühnengedicht, an dem Barlach das ganze letzte Jahrzehnt seines Lebens von 1927 bis 1937 schrieb. Legendäre, religiöse, urmythische und (wenn vielleicht auch unbewußt) tiefenpsychologische Motive sind zu einem nordisch-protestantischen Mysterium vereint, mit dem der ewige Gottsucher Barlach sozusagen das geistige Testament seiner Lebens- und Welterfahrung gab. Das Stück spielt zwar äußerlich zur Zeit der Kreuzzüge und läßt den Grafen von Ratzeburg, der durch einen Gifttrank der Möllner seinen Verstand verlor und sich als herzoglicher Hofnarr einem Kreuzfahrerzug anschloß, in die Hände moslemischer Sklavenhändler fallen, ehe er am Ende wieder in seine mecklenburgische Heimat zurückkehrt und sein Leben dem durch! seine Schuld verdorbenen unehelichen Sohn zum Opfer bringt. Aber auf diesem seinem Kalvarienweg durch die Welt begegnet der Ratzeburger, den Gestalten von Adam und Eva, Moses, dem gefallenen Engel Marut und dem christlichen Asketen Hilarion. Hoch oben auf dem Sinai diskutieren der Geist des Alten und des Neuen Testaments miteinander. Das Ganze wird noch durchzogen von dem Schicksal des Knechtes Offerus, der den mächtigsten Herrn dieser Welt sucht und zuletzt zum „Christofferus“ wird.

In einem der ersten Worte des Offerus wird auch das gedankliche Thema des Werkes ausgesprochen: „Es geht nicht ums Gelten, es geht ums Sein!“ Der aufbegehrende Graf, der noch mit einem seiner letzten Worte die faustische „nie ermattende Unzufriedenheit“ preist, und der standhaft-mutige Diener Offerus, der ohne zu fragen die Last des Herrn auf seine Schultern nimmt, suchen beide nach dem Wesentlichen des Seins in dieser Welt – jenseits aller „Geltungen“ der Alltagswirklichkeit. Ernst Barlach hat in diesem Grafen zum guten Teil ein Selbstporträt geschaffen. Auch daß jener, ein „Dulder grenzenloser Demut“, zum Schluß von einer verständnislosen, aufgehetzten Menge erschlagen wird, nimmt sinnbildhaft ein Stück von Barlachs eigenem Schicksal vorweg.

Bei der Nürnberger Uraufführung hatte man den (naheliegenden) Versuch unternommen, diesen dramatischen Fries nach Barlachschen Vorlagen zu gestalten, doch hat gerade das mitunter in gefährliche Nähe des Kunstgewerblichen geführt. Anderseits war vielleicht diese szenische Popularisierung notwendig, um das dunkle, spröde Werk einem breiten Publikum zugänglich zu machen. U. S.-E.

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Zu den ersten Aufführungen von Ernst Barlachs nachgelassenem Drama „Der Graf von Ratzeburg“ zeigen Darmstadt und Nürnberg Ausstellungen seines bildnerischen Werkes. Die Darmstädter Ausstellung (vor allem aus dem Besitz der Sammlung Hermann Reemtsma und der Hamburger Kunsthalle) in den neu hergerichteten Räumen auf der Mathildenhöhe ist die umfangreichere; sie bringt auch graphische Blätter aus der frühen Zeit Barlachs in Paris. Beide Ausstellungen zusammen ergeben mit wesentlichen Hauptwerken einen guten Überblick über das Schaffen des Plastikers und Graphikers Barlach. Dabei wird wieder erschütternd sichtbar, wie früh und unmittelbar Barlach die Situation des heutigen Menschen empfunden und sie in gültigen Bildzeichen geformt hat. Seine Gestalten erscheinen oft wie hingeweht in die Welt, preisgegeben den Gewalten in und außer ihnen. Durch mächtige Gewandhüllen suchen sie sich gegen die Umwelt abzuschirmen. Oft sind sie wie von fremden Kraftströmungen gepeitscht, niedergeworfen, aber auch wieder aufgerichtet. Die „Geworfen-, heit“ des modernen Menschen wird darin Form, aber auch sein ganz persönliches, aus dir Vereinzelung heraus geschehenes Ringen um Gott. Barlach gehörte mit Munch, Nolde und Rouault zu der Generation, die den Expressionismus heraufführte. Seine Kunst ist vor allem expressiv gesteigerte Sprache der Gebärde. In seiner mittleren, erregtesten Schaffensperiode scheint der Körper seinen Gewandfiguren bisweilen geradezu abhanden gekommen zu sein. Barlachs Rückverbindung zur Gotik wird daran besonders deutlich.

Die Darmstädter Ausstellung beginnt bei der Plastik mit einigen kleinen glasierten Steinzeugfiguren aus den ersten Jahren des Jahrhunderts, die als Aschbecher dienen sollten. An den Linienschwüngen ihrer weichen, teigigen Formen wird deutlich, wie sehr Barlach durch den Jugendstil hindurchgegangen ist. Doch schon in einer (der „Liegenden“) kündigt sich die charakteristische Barlachsche Form an. Durch das Erlebnis der russischen Reise 1906 kommt Barlach zu sich selbst, findet er die Klarheit der Sicht, wird diese vereinfachte Form vollends entbunden. Sie wird in seinem weiteren Schaffen nur noch abgewandelt, nicht mehr verändert.

In den frühen graphischen Blättern wird nicht nur die Auseinandersetzung mit dem Jugendstil sichtbar, sondern auch die mit Toulouse-Lautrec und der ostasiatischen Kunst. Hier ergeben sich ganz neue Blickpunkte. Manche der satirischen Blätter bilden aber auch eine gewisse Parallele zu den etwa gleichzeitig entstandenen grotesken Bergriesen Noldes. In der Graphik klärt sich die Form gleichfalls erst in den Jahren nach 1906 und wird dann zu der unverkennbaren, einfach wuchtigen Handschrift Barlachs, die nun nicht mehr Randerscheinungen, sondern stets Grundtatsachen zu fassen sucht. H. D.